Abgrundtief leichtsinnig auf der Todesstrasse
Zwischen Todesangst und grenzenloser Erleichterung: Eine Busfahrt wird zur Nervenprobe.
Bolivien, Ende Oktober im Jahr 1976. Ich bin mit meiner damaligen Partnerin seit sechs Monaten in Südamerika unterwegs. Im Gepäck als einzige Informationsquelle das legendäre und damals unentbehrliche «South American Handbook». Dick und schwer, voller Infos, Tipps und Reisevorschläge. Ich liege auf der harten Matratze im Zimmer eines Billighotels in La Paz und blättere durch das Buch. Wir planen die Weiterreise, die uns ins bolivianische Tiefland, den feuchtwarmen Regenwald der Yungas, führen soll. Nächste Station: die Kleinstadt Coroico. Ich lese, dass die schwindelerregende, riskante, tückische Route etwa fünf Stunden dauert und als «Camino de la Muerta» bezeichnet wird: die Todesstrasse. Von abgestürzten Bussen ist die Rede, von verunglückten Lastwagen und jährlich 200 bis 300 Toten.
Ich schlucke kurz leer, lege das Buch beiseite und denke: wird ja nicht so schlimm sein. Am nächsten Morgen steigen wir in den klapprigen Bus nach Coroico. Die Strasse windet sich von La Paz zuerst über den 4600 Meter hohen Cumbre-Pass. Dann stürzt sie in zahllosen Serpentinen dem schwülen Tiefland entgegen. Schmal und unbefestigt führt sie steilsten Berghängen entlang, die Ausblicke in tiefe Schluchten sind spektakulär und furchterregend. Zahllose Kreuze am Strassenrand zeugen von tödlichen Unfällen – «Camino de la Muerte» eben. Müde aber heil erreichen wir nach mehreren Stunden Coroico.
Doch nun beginnen die Probleme erst. Uns empfängt eine eigenartige, unheimliche Stimmung. An den Fenstern hängen Tierschädel. Im Hotel, wo wir uns ein Zimmer anschauen, ist eine feindselige, düstere Energie spürbar. Schwarze Magie? Hexerei? Wir sind nicht abergläubisch, doch das Unbehagen nimmt mit jeder Minute zu. Wir schauen uns an und entscheiden: weg von hier!
Bloss: Das ist einfacher gesagt als getan. Die einzige Option ist ein Lastwagen, der am Abend zurück nach La Paz fährt und auf der offenen Ladebrücke Passagiere mitnimmt. Als die Fahrt los geht, sitzen wir dicht zusammengedrängt mit 20 Einheimischen auf dem Boden des Wagens. Erst jetzt sickert bei mir die Erkenntnis ins Hirn: wie verrückt es ist, auf einem altersschwachen Lastwagen in dunkler Nacht auf der Todesstrasse unterwegs zu sein. Das beklemmende Gefühl in Coroico hat offenbar den gesunden Menschenverstand ausser Kraft gesetzt. Nun, jetzt ist es zu spät, da müssen wir jetzt durch.
Der Lastwagen kriecht die Strasse hoch, die schwachen Scheinwerfer beleuchten die Schotterpiste notdürftig. Wir begegnen nur wenigen anderen Fahrzeugen, doch nach zwei Stunden kommt uns an einer engen Stelle ein Lastwagen entgegen. Das wird heikel. Unser Fahrer stoppt und muss zurücksetzen. Wir halten die Luft an, als der Wagen rückwärts rollt. Die Strasse seitlich von uns fällt steil ab ins dunkle Nichts. Jetzt sind es wohl nur noch wenige Zentimeter, bis das Hinterrad den Halt verliert. Und tatsächlich, unser Laster beginnt, sich gegen den Abgrund zu neigen. Die Einheimischen schreien, mir rutscht das Herz in die Hose. Im letzten Moment drückt der Fahrer aufs Gaspedal, der Wagen rollt vorwärts. Tief durchatmen... und weiter geht die Höllenfahrt. Kurz vor der Cumbre-Passhöhe gibt unser Laster den Geist auf. Überhitzung. Schlotternd sitzen wir während 20 Minuten zusammengepfercht in der Stille der eisigen Anden-Nacht, bis es weitergeht.
Als wir lange nach Mitternacht schliesslich in La Paz erschöpft ins Bett sinken, kann ich nicht einschlafen. Mein Nervensystem ist überdreht. Was für ein Reisetag! Ich bin unendlich erleichtert, dass es nicht der letzte war.
Andy Keller (72) war 38 Jahre lang in leitenden Funktionen bei Globetrotter tätig, davon zehn Jahre als Chefredaktor des Globetrotter-Magazins. Seit seinem Rückzug aus dem Berufsleben Ende 2018 begleiten ihn seine Lieblingstätigkeiten Lesen, Schreiben, Fotografieren und Reisen nun im Alltag.