Ein Kompromiss und Ein Löffel Lebertran
Lappland, 2025. Eine Reise in den hohen Norden wird zur hellen Freude – auch wenn der Traum von den Nordlichtern noch etwas warten muss.
Anlässlich meines 50. Geburtstags erfülle ich mir einen lang gehegten Herzenswunsch: das Nordkap. Mein Reisepartner ist normalerweise mein Mann. Gemeinsam haben wir schon viele schöne Orte besucht und unsere Schatzkiste mit Erinnerungen gefüllt. Das Nordkap und die Hurtigruten stehen bei ihm allerdings nicht so weit oben auf der Wunschliste. Aber wir finden einen Kompromiss: eine Reise im Sommer statt im Winter, Mitternachtssonne statt Nordlichter. Für mich passt das bestens, denn auch dieses Naturschauspiel steht schon lange auf meiner Liste.
Nach langer Planung geht es Ende Juni endlich los. Im finnischen Kittilä treffen wir unsere Reisegruppe und Reiseleiterin Katrin. Was für ein Energiebündel! Mit viel Herzblut erzählt sie uns während der ganzen Reise Spannendes über Land und Leute.
Schon am ersten Abend in Levi staune ich. Um 22 Uhr vertreten wir uns bei strahlendem Sonnenschein die Beine und bestaunen die konservierten Schneedepots. Man hört immer wieder, dass die Sonne hier im Sommer nie untergeht und es nicht dunkel wird. Doch es mit eigenen Augen zu sehen, ist etwas ganz anderes.
Wir besuchen Goldgräber, entdecken im Sami-Museum die Kultur des Nordens und fahren weiter bis nach Kirkenes in Norwegen. Dort gehen wir an Bord der MS Polarlys. Die Postschiffe sind viel kompakter als ich sie mir vorgestellt habe, und trotzdem erstaunlich komfortabel. Vom Zimmer aus geniessen wir eine uneingeschränkte Aussicht auf die vorbeiziehende Landschaft.
Ein Höhepunkt ist der Ausflug ans Nordkap. Beim Frühstück blicken wir über die eindrückliche Landschaft, bevor uns der Wind fast davonweht. Natürlich dürfen auch ein Troll und ein Magnet aus dem Souvenirshop nicht fehlen.
Noch spezieller wird die Überquerung des Polarkreises – ausgerechnet am Geburtstag meines Mannes. Auf den Hurtigruten wird dieses Ereignis traditionell mit einem Löffel Lebertran gefeiert. «Igitt», denke ich. Da mache ich bestimmt nicht mit. Mein Vorsatz hält genau bis zu dem Moment, als ich den schönen Erinnerungslöffel sehe. Zack, stehe auch ich in der Reihe.
Heute liegt dieser Löffel in unserer Besteckschublade. Jedes Mal, wenn ich ihn in die Hand nehme, bin ich für einen kurzen Moment wieder im hohen Norden. Auch deshalb sind Reisen für mich so wertvoll: Sie schenken Erinnerungen, die weit über die Ferien hinaus bleiben. Und eines weiss ich heute schon – eines Tages kehre ich zurück. Dann im Winter, um auch die Nordlichter zu bestaunen.
Barbara Bleiker (51) aus Wetzikon ZH arbeitet als Büroangestellte und ist zuversichtlich, dass ihr Mann sich nun auch für eine Winterreise in den hohen Norden begeistern kann.