Veränderung beginnt selten um Mitternacht

Kultur & Geschichte
Conny Hefti
12. Juni 2026

Kambodscha, 2025. Neues Jahr, neues Glück? Eine Horizonterweiterung im Land der Khmer, ganz ohne Knall.

Der 31. Dezember bedeutet für mich normalerweise lautes Feuerwerk, den ständigen Blick auf die Uhr und die Erwartung, dass etwas abgeschlossen werden muss. Auf der kleinen Barfussinsel Song Saa in Kambodscha ist alles anders. Am frühen Morgen sind unzählige gute Geister damit beschäftigt, im Dschungel mit der Machete einen Pfad zu schlagen und kleine Holzhütten aufzubauen. Sie bereiten einen Parcours für ein kulinarisch-kulturelles Abenteuer durch alle 24 Provinzen Kambodschas vor.

Der Silvesterabend beginnt in der Driftwood Bar, wo die Sonne langsam im Meer versinkt. Wir trinken Cocktails und beobachten einen Künstler, der vor unseren Augen ein Bild entstehen lässt. Licht und Leinwand verschmelzen live, die Stimmung ist entspannt, fast schwerelos.

Im Chef’s Garden beginnt das Dinner, in der Luft liegt der Duft von Erde, Rauch und Kampong-Cham-Kräutern. Es gibt Spezialitäten aus Mondulkiri und Ratanakiri, Provinzen im Osten des Landes. Wir tauchen ein, begleitet von Khmer-Musik, deren Rhythmus nichts antreibt, nur trägt. Dann stehen plötzlich Schalen vor uns, die mehr Mut als Hunger verlangen: frittierte Spinnen, Ameisen und Bienenwaben mit Larven. Ich zögere, schwanke zwischen Ekel und Neugierde – und greife zu. Der Geschmack? Lässt mich kalt. Aber dass ich mich überwunden habe, fühlt sich wie ein leiser Schock und ein kleiner Sieg zugleich an.

Nächster Stop: Der Coconut Circle, der Siem Reap repräsentiert. Hier spielen wir das traditionelle Neujahrsspiel Vai Ka-orm und lachen über unsere missglückten Versuche beim Zerschlagen der Tontöpfe. Zeit verliert ihre Konturen. Ich suche sie noch, diese Mitternacht, dieses Signal. Stattdessen gleitet alles weiter, der sandige Pfad bringt uns nach Kampot, einem Ort im Süden des Landes. An diesem Stand erzählen Menschen von der Song Saa Foundation, von Umweltschutz, Verantwortung und Zukunft. Es berührt mich mehr, als ich erwartet hätte.

Mit der Dunkelheit werden die Geräusche feiner: Fledermäuse, Wind, das ruhige Meer. Dann plötzlich eine Khmer-Show mit Musik und Tanz aus Phnom Penh, Staunen mischt sich mit Melancholie, dazwischen werden immer wieder neue Speisen und Desserts serviert.

Später am Strand tritt der Phare Circus auf. Es gibt kein Feuerwerk, keinen Knall. Ich verstehe, warum. Dieses Land trägt Erinnerungen, die nicht explodieren müssen, um präsent zu sein. Der Krieg liegt noch nicht weit zurück, und die Minenräumung dauert bis heute an. Also tanzen wir. Nicht, um etwas zu markieren, sondern weil der Rhythmus da ist.

Irgendwann höre auch ich auf, nach der Uhr zu suchen. Das Jahr endet hier nicht, es fliesst weiter. Und zwischen Feuer, Musik und Stille begreife ich: Veränderung beginnt selten um Mitternacht. Sie beginnt dort, wo man den Mut hat, hinzuschmecken, hinzuhören – und weiterzugehen.   

Conny Hefti (62) wohnt in Schwanden GL und hat nach zwei Lehren im Gastgewerbe beruflich viel Zeit auf Kreuzfahrtschiffen verbracht. Heute bereist sie vornehmlich das Landesinnere mit ihrem Mann.

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