Wo sich Mensch und «Waldmensch» Gute Nacht sagen
Borneo, 2019. Im tiefen Dschungel von Borneo kommt es zu einer spektakulären Begegnung mit den grössten Baumbewohnern der Welt.
Es herrscht Abendstimmung im Regenwald. Wir hocken mit Fotoapparat auf einer selbstgebauten Baumplattform in rund 40 Metern Höhe, um diese Szenerie im Licht der Dämmerung festzuhalten. Es raschelt und zischt wie immer, aber nun werden wir hellhörig: Das plötzliche Knacken und Schaukeln von Ästen nicht weit von uns kündigt grösseren Besuch an. Und tatsächlich: Ein rothaariges Orang-Utan-Weibchen kommt samt ihrem Jungen direkt auf uns zu. In einer Baumkrone, vielleicht 30 Meter von uns entfernt, stoppt sie und schaut zu uns herüber, das Baby fest um ihren Bauch geklammert. Wir sind starr vor Staunen und hören unsere Herzen pochen.
Meine Frau Sandra und ich haben 16 längere Reisen nach Borneo und Sumatra gemacht, doch Begegnungen mit Orang-Utans in der Wildnis sind extrem rar. Sie sind Einzelgänger, die die oberen Etagen im Regenwald durchwandern. Wegen weit verteilter Nahrungsquellen leben sie als Nomaden und bauen täglich neue Schlafplätze.
Genau damit beginnt nun das Weibchen vor unseren Augen. Sie biegt Zweige zusammen und verflechtet sie ineinander. Wir können kaum glauben, dass die Orang-Utan-Mutter uns das Vertrauen schenkt, in unmittelbarer Nähe mit ihrem Baby die Nacht zu verbringen. Nach fünf Minuten hat die geübte Mama das «Bett gemacht», legt sich hinein und schläft bald ein. Ihr Baby kuschelt sich an ihren Körper und schaut neugierig zu uns herüber. Dann gähnt es und döst im Arm ihrer Mutter ebenfalls weg.
Orang-Utan bedeutet im Malaiischen «Waldmensch». Mit etwa 97 Prozent identischem Erbgut sind sie unsere engsten Verwandten. Sie leben ausschliesslich auf Borneo und Sumatra, sind die grössten Baumbewohner der Welt und gelten als äusserst intelligent. Die Menschenaffen wissen, welche Blätter gegen Malaria helfen und welche gegen Bauch- und Kopfschmerzen. Doch ihre Intelligenz kann sie nicht vor dem Aussterben bewahren. In den letzten 75 Jahren ist der Bestand frei lebender Orang-Utans um über 80 Prozent gesunken.
Wir wissen deshalb, wie kostbar und einzigartig diese Begegnung ist und beschliessen, die ganze Nacht auf der Plattform zu bleiben, um auch mitzuerleben, wie die beiden in den Tag starten. Als es am nächsten Morgen zu dämmern beginnt, sehen wir Bewegung im Nest. Das Junge ist aufgewacht und schüttelt die schlafende Mama am Kopf, als wollte es sagen: «Komm, wach auf und spiel mit mir!» Das zeigt Wirkung. Die Mutter legt einen Arm um ihr Kind und die beiden kuscheln miteinander – ein Anblick, der uns zu Tränen rührt. Dann pflückt die Mutter einige Blätter von den umliegenden Ästen und es gibt «Frühstück im Hochbett». Als sich die beiden auf den Weg zum nächsten fruchttragenden Baum machen, schauen sie noch einmal zu uns herüber. Dann verschwinden sie im dichten Grün des Regenwalds. Was bleibt, ist ein Erlebnis, das wir für immer in unserem Herzen bewahren.
Dieter Schonlau (63) ist Naturfotograf aus Paderborn und dokumentiert schon seit 40 Jahren zusammen mit seiner Frau Sandra Hanke das Leben in den grössten Regenwaldregionen der Erde. Ihre Bilder und Artikel wurden in Magazinen wie National Geographic und GEO veröffentlicht, ihre Arbeiten in Museen und an Fotofestivals weltweit gezeigt. Mehr erfahren: wildlifephoto.de. Dieter Schonlau wird mit seiner Live-Show BORNEO ab dem 4. Dezember 2026 in der Schweiz auf Tour sein.
Infos und Tickets: explora.ch