Undercover in Hongkong
China, 2019. Crystal Meth und 2000 Jahre alte Tonfiguren: Eine Reise in die Unterwelt des internationalen Kunstmarkts.
2 Uhr in der Nacht, eine schummrige Bar am Rand von Hongkong. Ein dürrer, tätowierter Typ, den alle nur Jeffrey nannten, legt mit nervösen Fingern eine kleine Tüte mit Crystal auf den Tisch. «Wir sind Logistiker», sagt er. «Was genau wir transportieren, ist uns egal. Wir bringen die Artefakte problemlos über die Grenze.»
Hongkong ist ein internationaler Knotenpunkt für alles, was lautlos den Besitzer wechseln soll. Ich bin undercover unterwegs. Das klingt nach Film und Aufregung – in Wirklichkeit ist es vor allem Disziplin in den kleinen Dingen: die richtigen Details weglassen, die falschen nicht übertreiben. Und vor allem den Kopf nicht verlieren.
In Wahrheit bin ich Archäologe. Und irgendwie hat mein Interesse am Schwarzmarkt für Antiquitäten dazu geführt, dass ich mich jetzt öfter mit zwielichtigen Gestalten treffe.
Weltweit werden archäologische Stätten geplündert. Wertvolle Artefakte verschwinden auf dem Schwarzmarkt. Grabräuber, Schmugglerbanden und das organisierte Verbrechen sind nachweislich involviert. Aber wie genau funktionieren diese Netzwerke? Das will ich herausfinden. Anfangs war der Plan simpel: Nachverfolgen, wie die Artefakte auf dem Kunstmarkt und in den grossen Auktionshallen landen.
Nur ein paar Wochen später sitze ich mit Jeffrey am Tisch und gebe mich als potenzieller Käufer aus. Ich erfinde einen gutbetuchten Sammler, für den ich einkaufe. Je extravaganter die Preise der Artefakte, desto lockerer die Zungen der Händler. Wie sieht es mit Exportpapieren aus? «Kein Problem». Was, wenn die Zollbehörden die Artefakte einbehalten? «Die bekommen wir schon wieder raus. Wir haben da die nötigen Freundschaften.» Archäologische Gegenstände sind wohl noch das harmloseste, was diese Leute schmuggeln. Ich bin tiefer eingetaucht, als ich mir hätte vorstellen können. Und verabschiede mich.
Später treffe ich einen anderen Händler, der mir in einem staubigen Hinterzimmer verkohlte Tonfiguren aus einem Kaisergrab der Han-Dynastie zeigt, über zweitausend Jahre alte Schätze. Der Preis ist verdächtig niedrig. Eine kurze Recherche zeigt: Die Artefakte gehören zu einem Kunstdiebstahl aus den 2000er-Jahren und sind in diversen Listen für vermisste Kulturgüter eingetragen – wirklich heisse Ware, nur schlecht zu verkaufen und selbst für die Zwischenhändler in Hongkong risikobehaftet. Mein Herz schlägt um einiges schneller.
Der Händler beobachtet mich. «Interesse?» Ich sage: «Wenn ihr noch mehr davon habt, können wir vielleicht etwas organisieren.» Und lasse damit durchblicken, dass ich sehr wohl verstehe, woher die Figuren kommen.
Ein geraubtes Objekt verliert den Grossteil seines wissenschaftlichen Werts. Es ist leider erschreckend leicht und lukrativ, Gräber zu plündern, die Herkunft der Artefakte zu verschleiern und Schätze zu «legalisieren». Und genau so verlieren wir die Basis, um unsere eigene Vergangenheit zu verstehen.
Dr. Gino Caspari (39) ist Archäologe und Expeditionsleiter. Er ist seit über zehn Jahren international unterwegs und hat unter anderem Projekte in China, Russland, der Arktis, im Oman und in den Anden geleitet. Seine Arbeit in Sibirien wurde kürzlich vom Archaeology Magazine zu einer der wichtigsten archäologischen Entdeckungen des Jahres gekürt. Gino Caspari wird mit seiner Live-Show ARCHÄOLOGE UNDERCOVER ab dem 31. Januar 2027 in der Schweiz auf Tour sein.
Infos und Tickets: explora.ch