Ein sehr süsser Nachmittag mit Prinzessin Ashi
Bhutan, 2009. Wenn Her Royal Highness Ashi Kesang Wangmo Wangchuk zur Teerunde lädt, trinkt und isst man, was serviert wird.
Zu meinem 70. Geburtstag schenke ich mir eine Trekking-Reise in Bhutan, dem Land des Donnerdrachens. Ein befreundeter Bhutan-Kenner mit Beziehung zum Königshaus leistet mir wertvolle Hilfe bei der Vorbereitung. Denn in Bhutan ist es so: Wer einen Bezug zum Königshaus hat, gilt a priori als «in».
Schon am Flugplatz von Paro werden wir zuvorkommend empfangen. Zusammen mit zwölf Packpferden, zwei Pferdeführern, einem Koch und zwei Küchengehilfen steigen wir zunächst am Fuss des Jomolhari bis auf etwa 4850 Meter über Meer auf. Die Rundsicht auf die weisse Bergwelt bleibt unvergesslich.
Das grosse Erlebnis folgt jedoch in der Hauptstadt Thimphu. Dank meines Reisevorschusses an Vitamin B sind wir bei Her Royal Highness Ashi Kesang Wangmo Wangchuk, der Schwester des vierten Königs von Bhutan und Tante des heutigen fünften Königs, zum Tee eingeladen. Sie wohnt in einem sehr schmucken, palastähnlichen Haus am Rande der Stadt. Bereits bei der Zufahrt passieren wir mehrere Kontrollposten – schliesslich wird nicht jedermann zur königlichen Prinzessin vorgelassen.
Einige Stunden zuvor ist in der Stadt ein Treffen mit einem stark übergewichtigen hochrangigen Mönch namens Rinpoche anberaumt. Er befragt uns zu Ziel und Zweck unserer Kulturreise sowie zu unserem persönlichen Verhältnis zum Königshaus. Auffallend ist ein grosses Wundpflaster oberhalb seiner Stirn – es muss wohl eine schwerere Verletzung vorliegen. Ich wage, ihn darauf anzusprechen. Er zeigt mir die darunterliegende Wunde: Zum Vorschein kommt ein kleiner Kratzer. Also viel Lärm um nichts. Offenbar gewinnen wir dennoch sein Vertrauen, denn er möchte uns am Abend unbedingt seine kleine Tochter vorstellen.
Die ersehnte Teerunde mit Prinzessin Ashi erweist sich als sehr unterhaltsam. Ich darf mit der jugendlich wirkenden, hübschen, etwa fünfzigjährigen Gastgeberin ein angeregtes Gespräch führen. Die zahlreiche Dienerschaft bedient uns mit Tee, Säften, Sandwiches und Kuchen. Vor allem Kuchen. Immer mehr Kuchensorten werden aufgetischt, Kuchen nach einheimischen Rezepten, Kuchen nach europäischen Rezepten. Als Ehrengast werde ich jeweils als Erster bedient und darf das neue Stück Gebäck natürlich nicht zurückweisen. Man möchte ja höflich sein.
Ich bewältige so viele Kuchenstücke wie noch nie in meinem Leben. Am Abend lädt uns der Reiseagent zusätzlich zu einer privaten Party ein, bei der das Kuchenessen weitergeht. Alles ist gut gemeint, aber letztlich doch etwas zu viel des Guten.
Dieser «Royal Visit» bei Prinzessin Ashi Kesang bleibt mir unvergesslich und bildet in vielerlei Hinsicht einen Höhepunkt unserer Bhutanreise – die Kirsche auf der Torte quasi.
Hans-Ulrich Kull (87) ist Arzt im Ruhestand aus Küsnacht ZH und immer noch sehr reisefreudig. Besonders angetan haben es ihm die Wüsten dieser Welt – auch wenn es da nicht so viel Kuchen gibt.