Der Mensch Hinter dem Sari

Kultur & Geschichte
Sonja Pfister
07. August 2026

Indien, 1992. Spätestens bei einer Modeschau auf den Dächern von Jaipur verfliegt alle Skepsis gegenüber einem Mann in Frauenkleidern.

Bhurani Basthi, die Altstadt von Jaipur. Ich bin zu Besuch bei einer eng befreundeten indischen Familie und geniesse wie jeden Morgen meinen Chai auf dem Balkon. Von hier aus blicke ich auf die Strasse hinunter, wo das Leben früh erwacht. Plötzlich sagt mein Freund Bija: «Schau, das ist ein Mann.»

Ich lache und antworte: «Das kann nicht sein. Die Person trägt einen Sari und sieht aus wie eine Frau.»

Mein Freund erzählt mir von den Hijras – im Westen damals besser bekannt als Eunuchen: Männer, die Frauenkleider tragen, meist Saris. Bei vielen von ihnen wurde das männliche Geschlechtsteil entfernt. Traditionell tanzen sie auf Hochzeiten oder bei Geburten und sollen den Familien Glück bringen – vorausgesetzt, sie erhalten genügend Trinkgeld. Wird ihnen jedoch zu wenig gegeben, heben sie ihren Sari an. Der Anblick des nicht mehr vorhandenen «besten Stücks» gilt als schwere Schande und soll Unglück über die ganze Familie bringen. Leider landen viele Hijras später auch in der Prostitution, da sie gesellschaftlich kaum akzeptiert sind.

Mich fasziniert diese völlig andere Lebenswelt sofort. Diese Menschen, die so anders leben und Teil einer jahrhundertealten Tradition sind, lassen mich nicht mehr los. Ich will sie näher kennenlernen.

Am nächsten Morgen gehen wir – ich enthusiastisch, Bija eher widerwillig – zu einem Chai-Shop an der Ecke. Dort trinkt jeden Tag ein Eunuch seinen Chai. Mein Freund ist nervös und besorgt, dass etwas Unvorhergesehenes passieren könnte, denn das würde Schande über seine Familie bringen.

Als wir den Eunuchen treffen, ist er sichtlich überrascht, dass sich eine Ausländerin für ihn und seine Gemeinschaft interessiert. Ganz spontan lädt er uns zu sich nach Hause ein. Die Skepsis von Bija ist schnell verflogen und wir nehmen die Einladung an, ohne zu zögern.

Der Empfang ist herzlich. Auch sein Mitbewohner, ebenfalls ein Eunuch, zeigt sich sehr gastfreundlich. Wir trinken gemeinsam Chai und lachen viel. Dann zeigt er mir voller Stolz seine Saris. Einen nach dem anderen zieht er an und präsentiert sie mir bei einer kleinen Modeschau auf dem Dach.

Ich darf alles fotografieren, unter einer einzigen Bedingung: Beim nächsten Besuch soll ich ihm alle Fotos mitbringen. Ich halte Wort. Aus der zufälligen Begegnung entsteht eine jahrelange Freundschaft, wir treffen uns über viele Jahre hinweg immer wieder. Es sind Begegnungen, die meinen Blick auf Menschen, Kulturen und Lebensweisen nachhaltig verändern.

Sonja Pfister (64) aus Rapperswil SG arbeitete fast 30 Jahre lang beim Globetrotter Travel Service in Zürich. Seit einiger Zeit ist sie als Teilzeit-Assistentin von Globetrotter-Gründer Walo Kamm tätig. Hijras sind in Indien seit 2009 als drittes Geschlecht erkannt. Viele sind nicht kastriert und gelten heute deshalb auch nicht mehr als Eunuchen, sondern als Transmenschen. 

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