Die silberne Armbanduhr von Mindelo
Kapverden, 2000. Eine Karnevalsnacht. Ein Tausch. Und eine unglaubliche Begegnung mit einem Weltstar ohne Schuhe.
April 2024: Mein Blick schweift über die hunderten von Gräbern des Stadtfriedhofs von Mindelo, der kulturellen Hauptstadt der Kapverden. In meiner Hand halte ich eine unscheinbare silberne Uhr, die schon lange aufgehört hat zu ticken. Meine Finger streichen über das zerkratzte Zifferblatt, und meine Gedanken schweifen weit zurück in die Vergangenheit.
Februar 2000: Ich bin auf einer meiner ersten Reisen als junger Globetrotter und Backpacker. Beim Anflug auf die Insel São Vicente freue ich mich auf die Abenteuer, die mich im weitgehend noch unbekannten Archipel der Kapverden vor der Küste Westafrikas erwarten. Mein Ziel: Die ausgelassene Atmosphäre des Karnevals von Mindelo zu erleben. Am ersten Abend lerne ich in der Hafenkneipe Lisboa den quirligen Rastafari Gustavo kennen. Wir ziehen zusammen um die Häuser, tauchen ein in die energiegeladene Stimmung des Karnevals. Die Nacht wird zum Tag, er stellt mich Verwandten und Freunden vor. Irgendwann sagt er: «Komm mit, wir schauen bei einer Freundin zu Hause vorbei.» Ich denke mir nicht viel dabei und freue mich, einen Einblick in ein normales Wohnhaus zu erhalten.
Dort sitze ich dann auf einem ausgeleierten Sofa und schaue mich um. Auf den Vorhängen hat es seltsam anmutende Rehe, an den Wänden hängen verschiedenfarbige Schallplatten. Und dann steht sie plötzlich vor mir – barfuss wie man sie kennt und mit einer Flasche Whisky in der Hand. Sie stellt die Flasche vor mir auf den Tisch und verschwindet wieder, ohne ein Wort zu sagen, in der Küche. Ich versuche meinen offenen Mund zu schliessen und werfe einen ungläubigen Blick rüber zu Gustavo. Mit einem Kopfnicken bestätigt er mir: Wir sind hier zu Hause bei Cesária Évora. Jener Cesária Évora, die es mit ihrer sehnsuchtsvollen Stimme und den lebendigen Coladeira-Klängen aus grösster Armut zum Weltstar geschafft hat.
Der Raum füllt sich mit einer Schar Leute, die Stimmung ist fröhlich, aber im kreolischen Durcheinander verstehe ich kaum ein Wort. Ich geniesse den Moment und kann mein Glück kaum fassen. Dann kehrt Cesária zurück in die Stube, es wird augenblicklich still. Sie fragt mich über meine Reisepläne aus. Warum ich ausgerechnet nach Mindelo gekommen sei. Dabei fällt ihr Blick auf meine Uhr. Eine einfache Swatch mit dem Konterfei Che Guevaras. «Das ist eine schöne Uhr» sagt sie. Spontan ziehe ich sie ab und gebe ihr die Uhr als Geschenk. Sie scheint überrascht, lächelt und verschwindet im Nebenraum. Als sie zurückkommt, überreicht sie mir ihre silberne Armbanduhr.
Nun, 24 Jahre später, stehe ich also hier vor ihrer letzten Ruhestätte. Ich bin da, um die Uhr auf ihr Grab zu legen, als kleine Hommage an diese wundervolle Künstlerin. Doch ich zögere – und spüre plötzlich: Die Zeit dafür ist noch nicht gekommen. Ich stecke die Uhr zurück in meine Jackentasche, ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Denn soeben ist mir klar geworden, was das bedeutet: Ich werde noch einmal zurückkehren müssen, nach Mindelo, um die kleine Reise der silbernen Armbanduhr zu vollenden.
Sven Aebersold (53) ist Filialleiter beim Globetrotter Travel Service in Thun, wo er auch wohnt. Seit der unvergesslichen Begegnung mit Césaria Evora weiss er: Die schönsten Erlebnisse, im Reisen wie im Leben, lassen sich nicht planen.