Das Wunder von La Cumbre
Mitten im Nirgendwo treffen sich zwei Schweizer Reisegruppen – zufällig, ohne Handys, ohne Plan. Wie klein die Welt sein kann!
1999. Meine erste grosse Auslandreise, ich bin mit fünf Freunden in Südamerika unterwegs. Wir haben ein Ticket gekauft und kennen eine Person vor Ort, das ist alles. Das Internet spielt damals noch keine Rolle bei der Reiseplanung.
Wir sind in Argentinien und Uruguay unterwegs und finden es extrem langweilig. Südamerika haben wir uns ganz anders vorgestellt. Irgendwann in den Anden entscheiden wir uns: Wir gehen jetzt nach Bolivien. Wir wissen, dass momentan weitere Freunde von uns aus der Schweiz auch gerade in Bolivien sind. Handys haben wir damals keine. Also schreiben wir ihnen aus einem Internetcafé eine E-Mail: «Hey, wir kommen bald nach Bolivien, wo seid ihr? Wollen wir uns irgendwo treffen?». Es kommt keine Antwort.
Irgendwann nehmen wir den Bus nach La Paz und überlegen, was wir jetzt unternehmen könnten. Schliesslich entscheiden wir uns für ein Trekking. Wir machen den Choro-Trek, der in La Cumbre, etwa zehn Kilometer von La Paz entfernt beginnt, nach Chucura hinabführt und dann weiter nach Challapampa und Buena Vista. Auf diesem sogenannten Inka-Trail läufst du vier Tage lang bergab, was dich tötet. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wir marschieren also los, zuerst führt der Weg etwas bergauf. Unterwegs gibt es Kioscos, kleine Läden, in denen sich die Trekker mit allerlei Waren eindecken können. Vor einem solchen Kiosco stehen wir, als wir nicht mehr wissen, ob es nun nach rechts oder links geht. Als Orientierungshilfe haben wir nur die Beschreibung aus dem «Lonely Planet» dabei. Wie die meisten Reisenden in dieser Zeit.
Was dann passiert, ist der grösste Zufall, den ich in meinem Leben erlebt habe. Aus dem Kiosco, vor dem wir stehen, stürmen unsere anderen Schweizer Freunde, also jene, die wir Tage zuvor versucht hatten zu kontaktieren.
Man muss sich das einmal vorstellen: Wir befinden uns im absoluten Nirgendwo und die Gruppe aus der Schweiz entscheidet sich am genau gleichen Tag wie wir, ein viertägiges Trekking nahe La Paz zu machen. Wären sie auch nur ein paar Stunden früher losmarschiert, hätten wir davon wahrscheinlich erst Wochen später erfahren. Noch viel krasser als für uns sechs ist die Situation aber für die anderen: Sie wissen ja bis genau jetzt nicht einmal, dass wir auch in Bolivien sind.
Die nächsten drei Tage sind wir zusammen unterwegs. Das feiern wir sehr.
Nik Eugster (48) ist seit über 25 Jahren als Radiomoderator auf diversen Sendern zu hören und produziert TV- und Liveshows. Während einigen Jahren organisierte er zudem Musikkreuzfahrten unter dem Globetrotter-Brand Music Cruise. Die erste grosse Reise war zugleich auch die, mit dem grössten Zufall seines Lebens.