Der Schweizer Mit dem Schutzengel

Begegnungen & Menschen
Rolf Geiser
10. Juli 2026

Deutschland bis Bulgarien, 2022. Mit dem Kanu auf der schönen blauen Donau: Stille Wasser und ein bisschen Rambazamba.

Die Tour International Danubien ist die längste organisierte Kanu-Gepäckwanderfahrt der Welt. Über 2500 Kilometer führt sie von Ingolstadt durch zehn Länder bis ans Schwarze Meer. Seit 2019 möchte ich teilnehmen, doch dann durchkreuzen Corona und eine Hüftoperation meinen Plan.

2022 klappt es endlich. Fast zweieinhalb Monate bin ich auf der Donau unterwegs. Die Tour steht seit jeher für das gegenseitige Kennenlernen von Menschen – unabhängig von Herkunft, Sprache oder Religion.

Eines Tages schlagen wir in Ungarn unsere Zelte auf einem fast leeren Campingplatz unter grossen Birken auf. Meine Zeltnachbarin und ich sitzen entspannt vor meinem Zelt, als ich plötzlich ein sehr lautes Geräusch höre. Instinktiv springe ich auf und renne los. Im selben Moment trifft mich etwas am Rücken. Als ich mich umdrehe, liegt ein armdicker Ast auf meinem Zelt und dem Stuhl, auf dem ich Sekunden zuvor noch gesessen habe. Beides ist zerstört. Wir bleiben zum Glück unverletzt.

Sofort kommen Mitpaddelnde herbei. Sie helfen den Ast wegzuräumen, erkundigen sich nach meinem Befinden und besprechen, wie sich das Zelt retten lässt. Es hilft alles nichts, ich brauche ein neues. Von diesem Tag an bin ich auf der Tour nur noch als «der Schweizer mit dem Schutzengel» bekannt.

Einige Wochen später in Serbien. Ich starte oft schon morgens um sechs Uhr. Um diese Zeit liegt der Fluss still da. Stundenlang höre ich nichts ausser meinen Paddelschlag und das leise Tropfen des Wassers. Manchmal erklingt in der Ferne ein regelmässiges «Blopp». Ich frage mich jedes Mal, woher dieses Geräusch kommt.

Eines Morgens passiere ich einen Fischer. Als er mich vorbeipaddeln sieht, hebt er die Hand zum Gruss. Ich winke zurück. Dann beugt er sich in sein Boot, richtet sich wieder auf und präsentiert mir stolz einen riesigen Wels. Ich strecke anerkennend den Daumen in die Höhe, die Strömung trägt mich weiter und jeder widmet sich wieder seiner Arbeit. Stumme Kommunikation über Sprach- und Ländergrenzen hinweg. Später erfahre ich, dass die Fischer mit einer Konservendose auf die Wasseroberfläche schlagen. Das «Blopp» lockt die Welse an.

Wegen des Ukraine-Krieges endet meine Reise in der bulgarischen Stadt Silistra, weiter können wir aus Sicherheitsgründen nicht. Die Reise an der Donau schenkt mir viel Stille auf dem Wasser, Rambazamba auf Übernachtungsplätzen und unzählige Gespräche mit Fremden, die zu Freunden werden. Nun warte ich auf das Ende des Krieges, um die restlichen 400 Kilometer bis ins Schwarze Meer zu paddeln. Oder nochmals die ganze Strecke? 

Rolf Geiser (73) aus Bubikon ZH wurde 1976 vom Reisevirus gepackt, als er mit einem ausrangierten Armeebus Sri Lanka entdeckte. Seither öffnet Reisen seinen Kopf und sein Herz für andere Menschen und fremde Kulturen, wie er sagt. Die Tour durch Danubien nennt er sein «Pensioniertenprojekt».

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