Wandern wie im Rausch

Abenteuer & Outdoor
Andy Johler
14. August 2026

Chile, 2020. Ein Trek durch Patagonien wird zwei Jahre nach einem schweren Unfall zur Bewährungsprobe – und endet ganz anders als erwartet.

Am 1. August 2018 nimmt mein Leben eine abrupte Wendung. Ein harmloser Ausflug auf der Aare endet in einem Unglück mit schweren Verletzungen. Lange ist unklar, ob ich meinen Körper je wieder sportlich belasten kann. Schritt für Schritt kämpfe ich mich zurück, lerne wieder zu laufen und entdecke dabei das Wandern. Draussen zu sein wird Therapie und Leidenschaft zugleich. Irgendwann entsteht ein Ziel: der Torres del Paine Nationalpark in Chile.

Im Januar 2020 wird dieses Ziel Realität. Gemeinsam mit einem Freund reise ich nach Patagonien. Nach ersten Wanderungen in El Chaltén und dem beeindruckenden Perito-Moreno-Gletscher stehe ich mit 15 Kilo Gepäck auf dem Rücken am Start des O-Trekkings – voller Vorfreude und mit der leisen Frage, wie mein Körper auf die kommenden Herausforderungen reagieren wird.

Mit dem Startstempel im Welcome Center geht es endlich los. Ich wandere wie im Rausch. Mein Körper fühlt sich stark an und ich geniesse jeden einzelnen Schritt. Keine Stunde nach dem Start sehen wir einen Puma, bevor er im Gelände verschwindet. Was für ein Auftakt! Die Tage sind geprägt von Weite, neuen Begegnungen und dem Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.

Mit dem Gardner Pass folgt der härteste Abschnitt: Schweiss, Schmerzen, Wind und gleichzeitig dieses Hochgefühl, das mich weitertreibt. Als der Nebel aufreisst und der Grey-Gletscher vor uns liegt, stehen wir sprachlos da. Am Abend stossen wir mit neuen Freunden bei einem Pisco Sour auf diesen Moment an.

Danach beginnt der stärker frequentierte, aber nicht weniger eindrückliche W-Trek. Zum Abschluss stehen wir bei klarem Himmel vor den drei Türmen der Torres del Paine. Nach all den Anstrengungen fühlt sich dieser Moment wie der perfekte Schlusspunkt an.

Zurück in Puerto Natales schalten wir unsere Handys wieder ein. Die Welt draussen ist plötzlich eine andere. Corona, Grenzschliessungen und Angehörige, die uns eine rasche Rückkehr nahelegen. Am Abend singen wir im Hostel trotzdem Karaoke, als gäbe es kein Morgen.

Doch der nächste Morgen kommt, inklusive leichtem Kater, und uns wird klar, dass wir handeln müssen. Statt weiter in die chilenische Wüste zu reisen, verbringen wir Stunden damit, unsere Flüge umzubuchen. Was folgt, fühlt sich an wie ein Krimi: Wir müssen dreimal umsteigen, und bei jedem Gate quält uns die bange Frage, ob das Flugzeug überhaupt noch starten wird. Schliesslich landen wir in Zürich, traurig über das abrupte Ende, aber dankbar für alles, was wir erlebt haben. Erst später erfahren wir: Unser Flug ist einer der letzten, bevor die Flughäfen schliessen.

Ich kehre zurück mit dem Gefühl, dass in mir etwas grösser ist als ich selbst. Stolz, dankbar und mit dem tiefen Wissen, dass mein Körper stärker ist als ich je gedacht hätte.

Andy Johler (41) wohnt in Aarau und hat nach dieser Reise einen Neuanfang gewagt. Heute studiert er Soziale Arbeit und arbeitet in einer Rehaklinik. Seinen Ausgleich findet er immer noch bei Abenteuern in der Natur. 

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