Mit jedem Tag wächst die Verbindung zu Sherach
Mongolei, 2018. Kein Handyempfang, dafür eine Schwitzhütte, Wodka und ein eigenes Lied gegen die Angst: auf Pferdetrekking in der Nordmongolei.
Nach intensiver Vorbereitung ist es endlich so weit: Unsere Gruppenreise in die Mongolei beginnt. Die erste Überraschung wartet bereits beim Umsteigen in Frankfurt. Weil ich meinen Deel, einen traditionellen mongolischen Wickelmantel, dabeihabe, erhalte ich von Mongolian Airlines ein Upgrade in die Business Class.
In Ulaan Baatar begrüsst uns unsere Reiseleiterin mit einem herzlichen «Sain baina uu». Nach dem Besuch eines tibetisch-buddhistischen Klosters träume ich von den furchterregenden Masken und mir wird schlecht. Das legt sich, als wir die Hauptstadt verlassen und zum Hövsgöl-See weiterreisen. Die Tsaaten, lokale Rentiernomaden, nennen den See die dunkelblaue Perle der Mongolei. Sein glasklares Wasser ist trinkbar, und die Tsaaten ziehen hier mit ihren tipiförmigen Zelten von Weideplatz zu Weideplatz.
Wir übernachten am See in Jurten. Wenn wir hineingehen, achten wir darauf, nicht auf die Schwelle zu treten – das soll Unheil bringen. Eine Schwitzhütten-Zeremonie bereitet uns auf das bevorstehende Trekking in der Nordmongolei vor. Am nächsten Morgen treffen die mongolischen Guides mit den Pferden ein. Für die nächsten zwei Wochen wird der Falbe Sherach mein treuer Begleiter. Von nun an gibt es keinen Handyempfang mehr. Stattdessen begleiten uns Vogelstimmen, der Wind und die sehnsuchtsvollen Lieder unserer Guides.
Wir überqueren Flüsse, erklimmen den Jigleg-Pass und umrunden dort einen Ovoo, einen heiligen Steinhaufen, dreimal im Uhrzeigersinn. Aus klaren Bächen schöpfen wir Trinkwasser, nachts sitzen wir am Feuer unter einem überwältigenden Sternenhimmel.
Die Natur bestimmt unseren Rhythmus. Ein Bär nähert sich unserem Lager und muss vertrieben werden. Vor und nach den langen Ritten mache ich Yoga, um den unbequemen Sattel auszugleichen. Mit jedem Tag wächst die Verbindung zu Sherach. Selbst als sich das Zaumzeug langsam auflöst, ist das kein Problem.
Im weiten Darchad-Tal galoppieren wir mit unseren Guides durch die menschenleere Steppe. Wir werden von Nomaden in ihre Jurte eingeladen, erleben ihre Gastfreundschaft und sehen zu, wie ein Schaf geschlachtet wird. Als Beilage gibt es kaum Gemüse, dafür Wodka.
Auf dem Rückweg heulen nachts Wölfe, einige Pferde fliehen und müssen im Nachbartal eingefangen werden. Über schmale Bergpfade führen wir unsere Pferde zu Fuss. Um keine Angst zu verspüren, kreiere ich ein eigenes Lied und beginne zu singen. «Bayarlalaa» – danke, Mongolei.
Saskia Middendorp (67) aus Winterthur ist selbständig tätig als schamanische Begleiterin, Yogalehrerin und Astrologin. Sie war Co-Leiterin dieses Pferdetrekkings mit einer Gruppe von 12 Personen in der Mongolei.