Die ganze Härte Dieser schönen Welt
Mongolei, 2023. Was als Fotoprojekt mit mongolischen Nomaden beginnt, wird zu einer Zerreissprobe für Körper und Geist – mit bösem Erwachen.
Die Mongolei ist ein wunderbares, herausforderndes Land. In diesem Land der endlosen Steppen und schroffen Gipfel herrscht ein Gesetz: das der Natur. Wenn der Winter einbricht und die Temperaturen in den Keller stürzen, beginnt für die Nomaden ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit. Die Wintermigration ist kein blosser Umzug – es ist ein epischer Kampf ums Überleben, getrieben von der Suche nach frischem Gras unter dem Eis.
Ich komme als Fotograf, um diese Lebensweise festzuhalten, aber ich will auch den Puls dieser archaischen Lebensweise spüren. Mit meiner Kamera tauche ich in eine Welt ein, die von der Moderne vergessen scheint. Doch was als Dokumentation beginnt, wird schnell zu einer Zerreissprobe für Körper und Geist. Über 150 endlose Kilometer begleite ich die Nomaden durch ein Gelände, das irgendwann jeden Schritt zur Qual machte. Der Wind peitscht mir ins Gesicht, und die Kälte kriecht durch jede Naht meiner Kleidung, bis sie meine Knochen erreicht. Meine Ausrüstung droht in der eisigen Starre zu versagen.
Doch der unbeugsame Wille der Nomaden treibt mich voran. In ihren wettergegerbten Gesichtern lese ich eine Geschichte von Generationen, die gelernt haben, mit den Gefahren der Natur umzugehen. Ich sehe die unendliche Bindung zwischen Tier und Mensch. Zwischen drei Nomaden, 300 Schafen, 100 Yaks, 50 Pferden und etwa 30 Kamelen.
Der Tiefpunkt erreicht uns in Gestalt eines unerbittlichen Schneesturms. Die Sicht ist gleich null, die Welt nur noch ein tosendes Chaos aus Weiss und Eis. Wir treiben die Tiere voran, Stunde um Stunde, gegen eine Wand aus Wind und Schnee. Es ist eine fast schon unheimliche Szenerie: Die Nomaden bewegen sich mit einer stoischen Ruhe und einer fast übermenschlichen Kraft durch das Inferno. Ich bin nahe an der Erschöpfung, jeder Atemzug brennt in der Lunge.
Als wir schliesslich bei bitteren minus 30 Grad im Schutz der Dunkelheit das Lager erreichen, herrscht eine schwere Stille. Ich bin so dankbar, das Ziel erreicht zu haben. Die zuvor aufgestellte Jurte wurde durch den Wind zerstört, überall liegt Schnee. Wir schlafen in einem Verschlag im Viehgehege.
Das Erwachen am nächsten Morgen ist ein Schock: Im Schnee liegen 150 Kadaver. Die Kälte hat in nur einer Nacht ihren Tribut gefordert und all diese Tiere getötet. Festgefroren und wie zu Stein erstarrt.
In diesem Moment begreife ich die ganze Härte dieser Welt. Die Mongolei schenkt einem nichts, sie fordert alles. Es ist ein Leben in extremer Harmonie mit der Natur, aber auch in ständiger Konfrontation mit ihrer Grausamkeit. Ein zeitloses Drama, das den unzerstörbaren Geist der Nomaden in den Schnee meisselt.
Josef Bürgi (61) aus Belp BE ist preisgekrönter Fotograf und leidenschaftlicher Reisender. Er hat schon rund 70 Länder besucht – und seine Suche nach abgelegenen Pfaden ist noch lange nicht vorbei. Bilder seiner Reise: https://josefbuergi.com/gallery/mongolia