Eine Zeitreise In der sibirischen Klimazone
China, 1988/2018. In der Eisstadt Harbin verschiebt man in den 80er-Jahren alles auf übermorgen. 30 Jahre später wartet ein selbstfahrender Roboter in der Lobby.
Meine erste Auslandsreise als Serviceingenieur für Kernspintomographen (MRI) verschlägt mich in die sibirische Klimazone. In Harbin, im Nordosten Chinas, soll ich ein westliches Hightechgerät in einem Spital installieren. Zur Vorbereitung kaufe ich mir den einzigen Reiseführer, den es damals gibt: «China, a Travel Survival Kit» von Lonely Planet.
China ist zu jener Zeit ein Entwicklungsland, stark geprägt vom Sozialismus. Entsprechend anspruchsvoll gestaltet sich die Installation des MRI-Geräts. Unerwartete Probleme tauchen auf: eine instabile Stromversorgung, dreckige Luft voller Kohlestaub, durch die Kälte eingefrorene Kühlsysteme, Spitalmitarbeitende, die kommen und gehen, wie es ihnen gerade passt. Dazu kommt, dass ich mich als gefühlt einziger Ausländer unter drei Millionen Chinesen wiederfinde – und es ausschliesslich chinesisches Essen gibt. Reissuppe und Knoblauchkraut zum Frühstück sind nicht jedermanns Sache.
Nach ein paar Tagen könnte ich heulen. Es geht kaum vorwärts, überall stosse ich auf Widerstände. Nach einer schlaflosen Nacht versuche ich, mir einen persönlichen «China-Modus» zuzulegen. Das Prinzip ist einfach: Man nimmt die Dinge so, wie sie kommen. Man freut sich über die kleinen Fortschritte und verschiebt alles andere auf morgen – oder übermorgen.
Es dauert zwar länger, aber der Druck lässt nach. Mit dieser Haltung gelingt es mir, die Situation gelassener anzugehen. Und schliesslich läuft auch das MRI-Gerät.
So bleibt mir etwas Zeit, Harbin von seiner schönen Seite kennenzulernen. Seit 1963 findet hier jedes Jahr das Eis- und Schneefestival statt. Im Zhaolin-Park sind beeindruckende Skulpturen aus Eisblöcken zu sehen, darunter eine fünfstöckige Pagode oder ein 30 Meter langer Drache. Am Abend wird alles stimmungsvoll mit farbigen Lämpchen beleuchtet. Dieses Spektakel aus Eis und Schnee entschädigt mich für all die Mühen bei der Arbeit – und lässt meine Arbeitsreise versöhnlich enden.
Seither erzähle ich meiner Frau jedes Jahr, wenn im Januar in den Medien Bilder von der Eröffnung des Festivals erscheinen, wie sehr mich Harbin damals beeindruckt hat. 2018, genau 30 Jahre später, kehre ich zurück nach China, um diese gefrorene Märchenwelt gemeinsam zu erleben. Wir werden nicht enttäuscht: Das Festival ist enorm gewachsen, jetzt wird eine ganze faszinierende Stadt aus Eis und Schnee errichtet. Und das marode Spital von damals gibt es nicht mehr – es wurde durch einen topmodernen Spitalkomplex ersetzt. In der blitzsauberen Lobby wird man von einem selbstfahrenden, weissen Roboter begrüsst.
Jürg Vollenweider (62) stammt aus Wolfhausen ZH und war lange als reisender Elektroningenieur tätig. Heute geniesst er das Leben als Technikredaktor, Tubaspieler und Velofahrer – am liebsten ohne Eis und Schnee.