Fünfhundert Delfine und Eine Schildkrötenhebamme
Madagaskar, 2016. Was bedeutet Reisen wirklich? Auf einer kleinen Insel wird die Antwort plötzlich klar.
Schon in den ersten Tagen auf Nosy Be spüren wir, dass hier vieles anders ist – ruhiger, ursprünglicher, näher am Leben. Nosy Be, das ist die grösste Nebeninsel Madagaskars.
An einem der ersten Morgen unseres Aufenthalts liegt die Insel noch im sanften Halbschlaf, und wir brechen früh auf. Vor der Küste fahren wir mit einem kleinen, einfachen, aber liebevoll gepflegten Boot hinaus aufs Meer. Unser Guide Arthur – ein Franzose, der hier seit vielen Jahren bewusst nur im kleinen Rahmen Touren anbietet – führt uns ohne Hektik, ohne Show, dafür mit grossem Respekt vor der Natur.
Das Meer liegt ruhig da, die Sonne lässt das Wasser golden funkeln. Dann wird es plötzlich still. Ein Staunen, das uns den Atem nimmt. Um uns herum tauchen Rückenflossen auf, immer mehr. Eine riesige Gruppe Spinnerdelfine, neugierig, wachsam, frei. Später erzählt Arthur, es seien rund 500 gewesen. Kein anderes Boot ist zu sehen.
Vorsichtig gleiten wir ins Wasser. Die Delfine kommen näher, schwimmen mit uns, nicht zutraulich, nicht zum Anfassen, sondern selbstbestimmt. Für einen Moment fühle ich mich nicht wie eine Besucherin, sondern wie ein Teil dieses lebendigen Ozeans.
Auf Nosy Iranja, einer kleineren Nebeninsel, begegnen wir einem Mann, den man dort ehrfürchtig die «Schildkrötenhebamme» nennt. Seit vielen Jahren schützt er die Nester der Meeresschildkröten, kümmert sich mit unermüdlicher Hingabe um jedes einzelne Leben und sorgt dafür, dass selbst die am tiefsten vergrabenen Eier eine Chance haben. Er spricht leise, mit grosser Achtung. Die Schildkröten sind für ihn wie Familie, das ist deutlich spürbar.
Und dann geschieht es. Der Sand beginnt sich zu bewegen. Mit etwas liebevoller Unterstützung kämpfen sich winzige Schildkröten an die Oberfläche, eine nach der anderen. Zerbrechlich, entschlossen und vollkommen.
Wir dürfen miterleben, wie neues Leben beginnt. Kein Programm, keine Inszenierung, sondern einfach Natur. Mir steigen Tränen in die Augen, aus tiefer Dankbarkeit, diesen Moment miterleben zu dürfen.
Als die kleinen Schildkröten schliesslich ihren Weg ins Meer finden, wird mir etwas ganz klar: Reisen bedeutet zu fühlen und zu verstehen, wie verletzlich unsere Welt ist – und wie unfassbar schön zugleich.
Madagaskar zeigt mir etwas enorm Wertvolles: echte Verbundenheit – mit Menschen, Tieren und der Natur. Mit dem Leben selbst.
Liv Enya Meier (29) wohnt in Sutz BE und arbeitet als Produktmanagerin Dienstleistungen und stellvertretende Abteilungsleiterin in der Energiebranche. Reisen bedeutet ihr alles. Sie hat diesen Sommer geheiratet und wird den neuen Lebensabschnitt, wie könnte es anders sein, mit einer Reise feiern.