Alles geht Rasend schnell
Ägypten, 2011. Eine Studienreise mitten hinein in den arabischen Frühling: Rette sich, wer kann? Ja, aber es können eben nicht alle.
Viel geplant haben wir nicht für unsere Studienreise nach Ägypten. Ein Hotel für die erste Nacht, den Rückflug ab Kairo und die Aussicht auf eine Unterkunft der Universität in Luxor. Meine Kollegin und ich studieren Altertumswissenschaften und freuen uns, in die reiche Historie des Lands am Nil einzutauchen. Wir ahnen nicht, wie schnell die Lage vor Ort eskalieren wird.
Die ersten Tage erkunden wir Assuan und Abu Simbel. Abends lesen wir im Hotel erstmals von Demonstrationen in Kairo. Die Meldungen wirken beunruhigend, aber noch nicht aussergewöhnlich.
Haarsträubend ist hingegen die Fahrt am nächsten Tag in einem überfüllten Sammeltaxi nach Luxor. Wir erwarten nicht, dass sich hier jeder an Schweizer Sicherheitsstandards orientiert, aber diese Fahrt ist selbst nach ägyptischen Massstäben halsbrecherisch. Erst als mehrere Gepäckstücke vom Dach des Autos fallen und sich einheimische Mitreisende lautstark beklagen, drosselt das Taxi das Tempo. Wir überstehen den Horrortrip und beziehen eine Studentenunterkunft der Universität in einem kleinen Dorf in Theben West, weit weg von den Touristenströmen.
Am nächsten Tag kippt die Stimmung im Land. Während wir das Tal der Könige besuchen, breiten sich die Proteste im ganzen Land aus. In den grossen Städten wie Luxor wird auf Demonstrierende geschossen, es gibt hunderte Tote, die Regierung verhängt eine nächtliche Ausgangssperre. Über dem gegenüberliegenden Nilufer steigen die Rauchsäulen auf, Schüsse sind zu hören. Gleichzeitig brechen Internet und Mobilfunk weitgehend zusammen. Plötzlich wissen wir kaum noch, was im Land geschieht.
Das Land versinkt im Chaos, unser Dorf bleibt ruhig. Trotzdem ist klar: Wir müssen raus aus Ägypten – doch das wollen nun alle, die können. Unsere Familien und Mitarbeitende der Universität versuchen fieberhaft, unsere Rückreise zu organisieren, während wir das Besichtigungsprogramm fortsetzen. Wir passieren militärische Kontrollposten und erleben die berühmten Tempel fast menschenleer.
Ende Januar, rund eine Woche nach unserer Ankunft, kommt der erlösende Anruf: Für uns sind zwei Plätze auf einem Rückflug gebucht. Plötzlich geht es sehr schnell, innerhalb weniger Stunden müssen wir zum Flughafen. Dort herrscht Chaos, Tausende Touristen versuchen gleichzeitig auszureisen und wir kommen nicht voran. Unser Fahrer begleitet uns bis ins Terminal, verhandelt mit Sicherheitskräften und löst sogar Probleme beim Check-in. Erst als wir die Bordkarten in den Händen halten, fällt die Anspannung langsam ab.
Als wir schliesslich fortfliegen, empfinden wir nicht nur Erleichterung. Es fühlt sich auch falsch an, all jene hilfsbereiten Menschen zurückzulassen, deren Zukunft plötzlich ungewiss erscheint. Denn es ist die aussergewöhnliche Gastfreundschaft der Ägypter, die mir von dieser Reise am meisten in Erinnerung bleibt. Ein Nachbar übernachtet freiwillig in unserer Unterkunft, damit wir uns sicher fühlten. Souvenirverkäufer entschuldigen sich dafür, dass unsere Reise überschattet wird. Fremde Menschen helfen uns, während ihr eigenes Land im Ausnahmezustand steckt. Diese Erfahrung prägt mich bis heute – und sie zeigt mir eindrücklich, wie viel Menschlichkeit selbst in Zeiten von Chaos und Unsicherheit möglich ist.
Susanne ist langjährige Mitarbeiterin bei der Europäischen Reiseversicherung ERV in Basel.