Schonungslose Stunden Magische Minute
Kamerun, 2022. Ein Marsch durch den Dschungel des Campo-Ma'an-Nationalparks führt an die eigenen Grenzen – und zu zwei wilden Gorillas.
Eigentlich wollen Raphael und ich den Mount Kamerun besteigen. Doch die prekäre Sicherheitslage im Norden treibt uns spontan Richtung Süden. Wir kämpfen uns durch die drückende Hitze, zahlreiche Militärposten und Polizeikontrollen. Fast überall braucht es kleine «Trinkgelder», damit wir weiterfahren dürfen. Die Pisten werden schlechter, die Schlaglöcher tiefer und die Dörfer seltener. Nahe der Grenze zu Äquatorialguinea erreichen wir die Zentrale des Campo-Ma’an-Nationalparks.
Das Gebäude wirkt verlassen: verrostete Jeeps, platte Reifen, ein schlafender Mitarbeiter. Touristen gibt es hier keine. Dafür erfahren wir, dass der Nationalpark zu den letzten Rückzugsgebieten der Westlichen Flachlandgorillas gehört. Wir verhandeln eine Exkursion in das Schutzgebiet.
Schon vor Einbruch der Dunkelheit sitzen wir auf Motorrädern und fahren tief in den Dschungel hinein. Zwei mit Maschinengewehren bewaffnete Parkangestellte begleiten uns – die einzigen, die sich mit den Bagyeli verständigen können, einem indigenen Waldvolk Zentralafrikas, auch als Pygmäen bekannt. Und nur die Bagyeli können nicht an Menschen gewohnte Gorillas aufspüren.
Unser Ziel ist eine kleine Lichtung mit einer einfachen Hütte der Bagyeli. Der Weg wird immer schmaler und endet an einer morschen Holzbrücke über einem reissenden Fluss, über die wir die Motorräder vorsichtig schieben – unter uns tost das Wasser, um uns herum nur dichter Regenwald und Dunkelheit. Als wir die Hütte erreichen, wird schnell klar: Die Begeisterung der Bagyeli, uns zu den Gorillas zu führen, hält sich in engen Grenzen. Bis spät in die Nacht hallen Diskussionen durchs Camp, während wir in einem löchrigen Zelt liegen. Es regnet direkt in unsere Schlafsäcke.
Noch vor Sonnenaufgang geben die Bagyeli plötzlich das Zeichen zum Aufbruch. Ohne Frühstück, ohne Erklärung. Wir verlassen bald den letzten sichtbaren Pfad und tauchen in fast undurchdringliches Grün ein. Die Bagyeli bewegen sich lautlos und doch blitzschnell durch den Dschungel, während wir über Wurzeln stolpern, im Schlamm versinken und von Dornen zerkratzt werden. Jeder Schritt kostet Kraft.
Stundenlang kämpfen wir uns tiefer in den Regenwald hinein, bis unsere Guides abrupt stoppen. Zwischen riesigen Blättern sitzt ein gewaltiger Gorilla und frisst seelenruhig Pflanzen. Dann taucht ein zweiter auf, wenige Meter entfernt von uns. Ein magischer Moment: nur wir und die wilden Tiere. Wachsam beobachten die beiden uns, bevor sie lautlos wieder im Dickicht verschwinden. Die Begegnung dauert kaum eine Minute, aber sie brennt sich tiefer ein als mancher ganze Urlaub.
Der Rückweg wird zur letzten Prüfung. Zerkratzt, voller Insektenstiche und völlig erschöpft erreichen wir irgendwann wieder das Camp.
Genau dafür sind wir gekommen: Nicht für perfekt inszenierte Abenteuer, sondern für echte Wildnis: selten romantisch, sondern anstrengend, chaotisch und gnadenlos – und genau deshalb unvergesslich.
Andreas Gerber (43), ist Head of Touristic Sales Switzerland bei der Lufthansa Group, im Bündnerland aufgewachsen und dem Tourismus seit jeher verbunden. Nach Stationen in Einkauf, Marketing und Vertrieb verantwortet er heute die Zusammenarbeit mit der Schweizer Reisebranche. Zusätzlich ist er Co-Founder der Boutique Agentur Trailgazer KLG.