Geduld erfahren auf die harte Tour
Hitze, Schlamm, wilde Tiere und Grenzen aller Art: Sandra fährt allein mit dem Velo von Kenia nach Südafrika und zurück.
Ich bin allein mit dem Velo in Afrika unterwegs. Von Kenia hinunter nach Südafrika, entlang endloser Strassen, über Berge, durch Savannen, umgeben von wilden Tieren. Dann wieder hinauf entlang der ursprünglichen Westküste, bis zurück in die Schweiz. So führt mich mein Weg; eine Frau, ein Velo, ein Kontinent voller Gegensätze. Das ist meine Geschichte.
Jeder einzelne Tag auf dieser Reise ist ein Tanz auf dem schmalen Grat zwischen Faszination und Furcht, zwischen Freiheit und Überforderung. Afrika zeigt mir seine ganze Wucht. Es sind nicht die endlosen Kilometer, die mich fordern. Es sind die Momente, in denen ich spüre, dass ich weit ausserhalb meiner Komfortzone angekommen bin: Wenn ich tagelang in der glühenden Hitze auf einem Polizeiposten in Gefangenschaft verweile, weil ein Grenzbeamter in Äquatorialguinea entschieden hat, dass meine Dokumente nicht genügen. Wenn ich mein schwer beladenes Velo durch knietiefen Schlamm im Kongo schieben muss, jeder Schritt ein Kampf gegen die Erschöpfung. Wenn ich in Liberia, einem Land, das kaum das Nötigste zum Überleben hat, verzweifelt nach einem Ersatzteil suche. Oder wenn ich in Botswana vor einem wütenden Elefanten davonradeln muss.
Und dann sind da die Schattenseiten, die oft verschwiegen werden: die ständige Angst vor Übergriffen, die Blicke, die Worte, die mir täglich begegnen und die so viel Kraft kosten. Doch gerade an diesen Tagen, wenn alles dunkel scheint, geschehen die gütigsten Dinge. Eine arme Familie, die ihr spärliches Mahl mit mir teilt. Ein alter Mann, der mir Schutz bietet. Kinder, die mir mit einem Lachen den Staub von der Seele pusten. Eine fremde Frau, die mich aufnimmt, bis das Malariafieber abgeklungen ist.
Afrika hat mich Geduld gelehrt, in einer Tiefe, wie ich sie mir nie vorstellen konnte. Hier geht nichts schnell, aber alles ist möglich. Vor allem lernte ich mich selbst kennen. Tritt für Tritt.
Man lernt nicht das, was man gerne lernen möchte. Nicht die Dinge, die leicht fallen, die das Herz wärmen oder das Ego streicheln. Man lernt das, was man lernen muss. Das, was das Leben einem mit Nachdruck beibringt, wenn der Weg staubig wird, die Hitze erbarmungslos brennt oder die Einsamkeit in der fernen Fremde laut wird. Es sind diese unbequemen Lektionen, die sich in die Seele graben: Geduld, wo man Eile hatte. Demut, wo man Stärke zeigen wollte. Vertrauen, wo man Kontrolle suchte. Und oft lernt man, dass man weniger braucht, als man dachte – und mehr aushält, als man je geglaubt hätte.
Sandra Wüthrich (35) wohnt in Unterlangenegg BE und startete während der Pandemie das Projekt «Cycle 4 Africa», mit dem sie Frauen vor Ort mit der Verteilung von selbstgenähten Damenbinden unterstützte. Das Motto für ihre Veloreisen durch insgesamt 25 Länder: «Alle sagten das geht nicht, dann kam eine und hats einfach gemacht».