Elefantengespräche auf Schweizerdeutsch
Gegen den grossen Dickhäuter macht man immer Zweiter. Aber manchmal bleibt Raum für zauberhafte Zwischentöne.
Mein Herz schlägt schneller, die Luft um mich herum knistert in der Mittagshitze. Plötzlich stehen wir uns gegenüber, von Angesicht zu Angesicht. Der Elefantenbulle sendet deutliche Warnsignale aus, ich spüre seine Präsenz in jeder Faser meines Körpers. Er ist offensichtlich nicht zufrieden – und ich war auch schon entspannter. Doch meine Möglichkeiten, ihn zu besänftigen, sind begrenzt. Ich bin in die Kurve gefahren, und dann stand er plötzlich da. Nun kann ich nicht mehr vorwärts, und nicht mehr zurück, hinter uns ein weiterer Safari-Jeep. In meinem Rücken höre ich das künstliche Klicken der Handykameras – let the show begin.
Mit schwingenden Ohren, erhobenem Rüssel und stolzem Kopf schreitet der Elefant auf uns zu. Das Einzige, was mir jetzt noch bleibt, ist abzuwarten – und zu hoffen, dass der Dickhäuter mir das Eindringen in sein Revier verzeiht. Man sagt, Elefanten hören Herzschläge. Mein Herz springt mir fast aus der Brust.
Elefanten – die sanften Riesen. Kein Tier hat so viel Temperament, so viel Charakter. Wenn es ihnen reicht, verschaffen sie sich Platz. Sie wissen um ihre Kraft und um den Respekt, der ihnen gebührt. Und sie fordern ihn ein.
Meine Hand greift zum Funkgerät, ich warne das Auto hinter mir, nicht näher zu fahren. In mir tobt ein kleiner Sturm. Ich weiss, wozu diese grossen grauen Tiere fähig sind. Jetzt gilt es, Ruhe zu bewahren – für meine Gäste, für mich selbst und für den Elefanten. «Alles ist gut», rede ich ihm auf Schweizerdeutsch sanft zu. «Wir bleiben einfach stehen, und du kannst unbeirrt weitergehen.» Bei Begegnungen mit Elefanten rede ich immer Schweizerdeutsch – ein mittlerweile bewährtes Mittel, um zu deeskalieren...
Mein Herzschlag verlangsamt sich, doch die Spannung bleibt. Einen Moment lang verliere ich ihn aus den Augen, während ich das Auto hinter mir auffordere, den Motor abzustellen. Er nutzt die Gelegenheit, prescht noch näher auf uns zu – und verschwindet dann lautlos im Gebüsch. Ich atme tief aus.
Ein paar Tage später, wir sind wieder unterwegs. Ich weiss, er ist noch da draussen, die Gegend rund um unser Camp scheint ihm zu gefallen. Bei jeder Kurve halte ich den Atem an. Um uns steht hohes Gras, einzelne Bäume säumen die Strasse. Ich schaue weit voraus – und da ist er wieder.
Was mich ihn erkennen lässt, weiss ich nicht genau. Vielleicht sein schwungvoller Gang, diese Mischung aus Lässigkeit und Bestimmtheit. Ich fahre an den Strassenrand, stelle den Motor ab, bitte meine Gäste um Ruhe. Vielleicht erkennt er mich genauso wie ich ihn. Ich spreche erneut auf Schweizerdeutsch zu ihm, und er bleibt stehen, direkt vor meiner Tür, als wollte er einsteigen.
Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Er spielt mit mir. Er spielt mit uns allen. Er weiss genau, wie beeindruckend er ist. Sein Auftreten ist majestätisch, selbstbewusst – die ganze Welt gehört ihm. Mein Herz schlägt immer noch schnell, doch diesmal aus Freude. Eine Verbindung ist da, vielleicht nur von meiner Seite, aber sie ist echt.
Ich bin in sein Reich getreten und habe das Geschenk erhalten, ihn wirklich sehen zu dürfen. Die Natur wird nie so sehr meine Heimat sein wie seine. Doch die afrikanische Luft, heiss und trocken, beflügelt mein Herz. Und während ich über die staubige, gewundene Strasse zurück ins Camp fahre, weiss ich, dass ich immer diejenige sein werde, die sich fügen muss – und das völlig zu Recht.
Lorena Peter (32) ist Filialleiterin beim Globetrotter Travel Service in Zug. Zuvor arbeitete sie als Safari Guide in Südafrika. Ethische Safaris zu planen, zu leiten und selbst zu erleben, ist bis heute ihre grosse Leidenschaft, die sie mit ihren Kundinnen und Kunden in der Region Zug teilt. Dabei legt sie besonderen Wert auf authentische Erlebnisse und verantwortungsvolles Reisen.