Die Hoffnung stirbt zuletzt

Natur & Tiere
Birgit Lutz
24. April 2026

Norwegen, 2024. Nach Hopen kommen sehr wenig Schiffe, und das hat seinen Grund. An der Schönheit der Arktis-Insel liegt es aber nicht.

Als wir uns aufmachen, Hopen ein zweites Mal zu besuchen, ist es vier Jahre her, seit die Menschen dort zuletzt Besuch hatten. Die norwegische Insel liegt ein bisschen abseits – ein bisschen sehr abseits. Im Spitzbergen-Archipel im arktischen Meer gelegen, beherbergt sie eine Wetterstation mit den einzigen vier Einwohnern der Insel. Zudem treffen in Hopen warme und kalte Wassermassen aufeinander. Das bedeutet: sehr viel Nebel. 

Wer also dorthin fährt, hat nur Plan A. Einen Plan B gibt es nicht, erst recht nicht für kleine, langsame Schiffe. Erfahrene Polarschiffsreisende wissen: Plan A ist ziemlich oft Makulatur, und dann wird es Plan C oder D. Wenn es die aber nicht gibt, dann gibt es nichts.

Ein Hopen-Besuch ist also gewagt. Man schaukelt stundenlang hin und riskiert, vor lauter Nebel nicht mal Land zu sehen. Da kann die Stimmung schon mal kippen. Trotzdem wollen wir nochmals hin, vor allem wegen der vielen Wale, die wir 2014 auf dem Weg dorthin gesehen haben: Hunderte Buckelwale, dazu Finnwale, Grindwale und Delfine.

Wir pirschen uns also langsam an Hopen heran, verbringen erst einmal einen Tag auf den Tusenøyane, den «Tausend Inseln», wo es auch bezaubernd ist. Einsame Tundra, tausende Vögel. Satte Farben allüberall, Relikte aus der Vergangenheit, dick bemoost. Als das Wetter günstig scheint, ziehen wir weiter. Doch kaum haben wir Tusenøyane verlassen, zieht eine Nebelbank auf, weiss, undurchdringlich, uns verschluckend. In dieser Nacht mache ich kein Auge zu. Immer wieder schaue ich aus meinem Bullauge und denke: Was mache ich bloss hier? Wir schaukeln endlos herum und sehen keine Wale, nur Nebel.

Auch als wir auf Hopen zusteuern: dichtester Nebel. Die Insel ist nur auf dem Radar erkennbar. Wir ankern vor der Landestelle, aber Land sehen wir nicht, kein bisschen. Ich bekomme Bauchschmerzen.

Doch dann erscheinen langsam Umrisse und plötzlich taucht Hopen vor unseren Augen auf, die ganze lange Insel, zack, in aller Klarheit. Und wie schön! In diesem Herbstlicht! Satt und bunt und leuchtend. 

So schroff die Insel aus der See aufsteigt, so unerwartet seicht ist es rundherum. Es gibt Wege, um an Land zu gehen, aber man muss sie kennen. Zum Glück hilft uns der nette Meteorologe von der Station per Funk, und so setzen wir in kleinen Schlauchbooten nach Koefoedodden über.

Wir wandern über weiche Tundra bis zur Landspitze, besuchen die einstige Hütte des legendären Pelztierjägers Henri Rudi und entdecken viele Blumen. Hinter uns zaubert sich ein Nebelbogen in den Himmel – als würde Hopen uns einladen, das Tor zu durchschreiten und noch mehr ihrer Schönheit zu entdecken.

Das tun wir auch. Ein grandioser Tag am Ende der Welt wartet auf uns.

Hopen heisst Hoffnung, und was soll ich sagen: Wer an seine Entscheidungen glaubt, sieht immer Land hinterm Nebel.

Birgit Lutz (52), ist mehrfach ausgezeichnete Autorin und seit 15 Jahren als Polar-Expertin und Expeditionsleiterin in der Arktis unterwegs. Im Mai 2027 wird sie die «Background Tours»-Reise an Bord des neuen Solarschiffs Captain Arctic als Polar-Expertin begleiten. Birgit Lutz lebt mit ihrem Mann am Schliersee in Oberbayern.

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