Geben und Nehmen Zwischen Schule und Spital
Sri Lanka, 2022. Das Leben unterwegs ist im perfekten Gleichgewicht – bis ein Lastwagen zu spät bremst.
April 2022, die Welt hält noch den Atem an. Covid ist überall. Grenzen sind fragil, Pläne unsicher, und doch sind wir unterwegs. Ich reise umher, mein Freund arbeitet remote.
Während er tagsüber vor dem Bildschirm sitzt, widme ich mich meinem Herzensprojekt: In Kenia helfe ich der lokalen Bevölkerung, eine Schule zu bauen. Staubige Hände, müde Muskeln und dieses tiefe Gefühl von Sinn: In solchen Momenten bedeutet Reisen bedeutet für mich, etwas zurückzugeben. Wir bleiben mehrere Monate. Danach lassen wir uns einige Monate in Thailand nieder, bevor wir schliesslich nach Sri Lanka weiterziehen.
Eine Insel voller Farben, Wärme und Herzlichkeit. Aus geplanten Wochen werden Monate. Ich erkunde das Land, mein Freund arbeitet weiter von unterwegs, und abends teilen wir Geschichten, Gedanken und das kostbare Gefühl von Freiheit. Alles scheint im Gleichgewicht.
Bis zu diesem einen Moment.
Es ist ein ganz gewöhnlicher Tag, Hitze, Verkehr, Lärm. Dann bremst ein Lastwagen nicht rechtzeitig, und alles verändert sich. Mein Freund wird angefahren und schwer verletzt. Mit einem Schlag zerbricht unsere Leichtigkeit, Freiheit wird zu Angst, unsere Pläne weichen einem Gefühl grösster Unsicherheit. Fern von zu Hause, mitten in einer Pandemie, beginnt für mich die schwerste Zeit meines Lebens.
Die Wochen im Spital gleichen einer emotionalen Achterbahnfahrt. Hoffnung und Verzweiflung wechseln sich ab. Ich fühle mich hilflos, aber nie allein. Die Menschen in Sri Lanka stehen uns mit einer Selbstverständlichkeit zur Seite, die mich tief bewegt. Ärztinnen, Pfleger, Nachbarn und uns völlig fremde Menschen übersetzen, organisieren und trösten. Ihre Hilfsbereitschaft wird zu unserem stillen Anker.
Auch unsere Familie reist nach Sri Lanka, um uns beizustehen. Ihre Nähe gibt mir Halt in einem Moment, in dem mir der Boden unter den Füssen wegzubrechen droht.
Nach sechs langen Wochen kommt die erlösende Nachricht: Ein Ambulanzflugzeug kann meinen Freund zurück in die Schweiz bringen, endlich nach Hause, in Sicherheit.
Der Abschied von Sri Lanka ist geprägt von Dankbarkeit, Erleichterung und tiefer Demut. Diese Reise verändert meinen Blick aufs Leben. Sie zeigt mir, wie zerbrechlich dieses Leben ist und wie stark Liebe, Mitgefühl und Verbundenheit sein können. Vom Schulbau in Kenia bis zum Spital in Sri Lanka lerne ich: Reisen bedeutet mehr, als Orte zu sehen. Es bedeutet, Menschen zu begegnen und getragen zu werden, wenn man selbst nicht mehr stehen kann.
Chiara Schaaf (28) ist Executive Assistant und Pilates-Instruktorin aus Zürich. Und immer wieder auch Weltreisende, weil sie überzeugt ist, dass Reisen persönliche Veränderungen anstösst – auch ohne Schicksalsschläge unterwegs. Ihrem Freund geht es wieder gut.