Wertvoller als ein Luxushotel
Fernab von Komfort und Planbarkeit lernt eine Familie, das Unbequeme auszuhalten. Und entdeckt dabei die schönsten Momente des Reisens.
Schon die Fahrt nach Sidemen, einem abgelegenen Ort auf Bali, fühlt sich seltsam an. Als wir in unserem Homestay ankommen, will ich gleich wieder umdrehen. Das Zimmer ist voller Moskitos. Die Türen schliessen nicht richtig, überall Spalten in den Wänden, im offenen Bad wimmelt es von Ameisen. Unsere Kinder sind müde und verunsichert. Ich auch. Was tun wir uns hier an? Ich sehne mich nach einem schicken Hotel mit Klimaanlage, Kinderclub und Pool, wo alles sauber ist, wo niemand schreit. Wo ich endlich wieder durchatmen kann.
Fünf Monate reisen wir mit unseren kleinen Kindern durch Südostasien und Australien. Eine intensive, wunderschöne und fordernde Zeit. Immer wieder verlassen wir unsere Komfortzone – bewusst und freiwillig, auch wenn es uns manchmal Überwindung kostet.
Wie in dieser Unterkunft in Sidemen. Deshalb bleiben wir. Und etwas verändert sich. Nicht sofort – aber nach und nach. Wir gewöhnen uns an das einfache Leben, finden Lösungen, kommen mit den Menschen ins Gespräch. Wir sind nicht mehr nur Besucher, sondern mittendrin.
Und plötzlich sind da kleine Momente, die uns tief berühren: Die Kinder, die mit einem alten Mann balinesische Instrumente spielen dürfen. Eine lokale Segenszeremonie, bei der wir ganz selbstverständlich dabei sein dürfen. Abende auf der Terrasse, während der Dschungel erwacht.
Wir merken, dass nicht alles planbar ist. Dass man manchmal einfach aushalten und durchhalten darf – und dass genau dann das Wertvolle passiert.
Die Reise mit kleinen Kindern ist nicht immer leicht. Es ist chaotisch, laut, ungewohnt, manchmal überfordernd. Aber sie lässt uns wachsen. Und unsere Komfortzone wächst mit.
Vielleicht liegt genau darin das Geschenk: sich auf das Unbequeme einzulassen und zu sehen, was daraus entsteht. Nicht perfekt. Aber echt. Und oft schöner, als wir es uns vorstellen können.
Jasmin Brander (35) wohnt in Gossau SG, arbeitet als Projektmanagerin und liebt es, mit ihrer Familie die Welt zu entdecken – ehrlich, unperfekt und mit viel Neugierde für das Leben jenseits der Postkartenmotive.