Die Frau auf dem Roller
Eine unerwartete Begegnung auf einem leeren Marktplatz zeigt, wie wertvoll echte Herzlichkeit sein kann.
März 2023, Thailand. Ich bin mit meiner besten Freundin unterwegs, es ist unsere erste gemeinsame Reise. Und es ist mein erstes Mal in Asien.
Im Vorfeld haben wir uns natürlich darüber informiert, welche Attraktionen wir auf keinen Fall verpassen möchten: einen schwimmenden Markt zum Beispiel wollen wir unbedingt sehen. Am zweiten Tag in Bangkok gönnen wir uns zuerst eine entspannende Massage. Und dann wollen wir zum Bang Nam Phueng Floating Market. Wir suchen den Ort auf Google Maps und merken schnell: Zu Fuss ist das zu weit.
Also bestellen wir ein Taxi, beziehungsweise ein Grab. Die Fahrt zum Markt kommt uns ewig lang vor. Eine Stunde lang sind wir unterwegs, am Schluss zahlen wir umgerechnet 80 Franken. Wir fühlen uns abgezockt. Noch mühsamer aber ist die Tatsache, dass uns der Fahrer auf einem komplett leeren Parkplatz auslädt und davonfährt. Hier soll der Floating Market sein?
Wir sind orientierungslos. Und suchen Marktstände. Oder Menschen. Vergeblich. Jetzt merken wir, dass der Markt heute den ganzen Tag geschlossen ist. Natürlich hätten wir das gewusst, wenn wir vorher die Öffnungszeiten gecheckt hätten. Haben wir aber nicht.
Ich bin wütend und frustriert. Über mich selbst – und auf den Grab-Fahrer. Er hätte uns doch Bescheid geben können, er kennt die Öffnungszeiten sicher! Meine Freundin und ich sind genervt und lassen uns das auch gegenseitig spüren. Dass die Sonne mit voller Kraft auf uns scheint und wir langsam hungrig und durstig werden, macht die Sache auch nicht unbedingt besser. Wir suchen eine Fahrgelegenheit, vergebens. Weit und breit ist kein Grab verfügbar.
Wie sollen wir jetzt zurück ins Zentrum kommen? Erschöpft lassen wir uns auf den heissen Asphalt fallen. Die Situation ist gerade ein bisschen aussichtslos.
Doch dann kommt die Rettung. Eine Frau auf einem Roller hält vor uns an. Sie hat wohl bemerkt, dass wir verzweifelt sind und ist offensichtlich entschlossen, uns zu helfen. Sie spricht kein Wort Englisch, unser Thailändisch ist auf etwa drei Worte beschränkt.
Wir schaffen es, mit Händen und Füssen zu erklären, was wir brauchen. Die Unbekannte gibt uns zu verstehen, auf ihrem Roller Platz zu nehmen. Sie werde uns zur Fähre bringen, die ins Zentrum fährt. Wir fahren zu dritt auf ihrem Roller, es ist ziemlich eng. Unterwegs muss die Frau noch tanken. Wir möchten ihr die Füllung bezahlen, doch sie lehnt entschieden ab. Ich denke mir, dass sie dann am Ziel Geld verlangen wird, was ja auch völlig in Ordnung wäre. Doch dann lädt sie uns bei der Fähre ab und bezahlt uns sogar noch die paar Baht für die Überfahrt – weil wir kein Kleingeld dabeihaben. Sie winkt uns zum Abschied, dann fährt sie davon.
Auf der Fähre merke ich, dass die Frau auf dem Roller aus purer Nächstenliebe gehandelt hat. Das ist ein wundervolles Gefühl.
Sophie Brodmann (28) ist Sachbearbeiterin auf der Zentralen Administration bei Globetrotter und lebt in Bern. Auf Reisen lässt sie sich gerne treiben und freut sich über unerwartete Begegnungen.