Zugabteil CR144438 Fahrt ins Unbekannte
Eine ominöse Einladung und ein Rucksack, der immer schwerer wird: Wo endet diese Reise?
Ich warte auf den Zug, der mich in die Ferne trägt. Ich glaube, das Ziel zu kennen, doch sicher bin ich nicht. Vielleicht ist es genau das, was mich antreibt: nicht zu wissen, was kommt.
Mein voller Rucksack liegt zu meinen Füssen. Pass, Geld, drei Shirts, Badehose, Notizbuch. Ein wenig Platz bleibt übrig für Souvenirs, die auftauchen mögen. Ich bin ganz allein in diesem fremden, weiten Land, das ich nur aus Geschichten kenne. Jetzt bin ich selbst eine. Es ist der Anfang meiner Reise, und ich merke, wie sich die Ungewissheit meldet. Was suche ich hier genau?
Dann taucht ein Mann auf. Tiefe Augen, stolzer Schnurrbart. In holprigem Englisch beginnt er, mir von seinem Leben als einfacher Arbeiter zu erzählen. Von seinen Kindern und seiner Frau. Das Land, aus dem ich stamme, liebe er, sagt er. Es mit eigenen Augen zu sehen, wird für ihn wohl ein Traum bleiben. Er lädt mich ein, ihn in seinem Zuhause zu besuchen, am Meer. Mein Rucksack wird schwerer. Neben der Ungewissheit nistet sich nun auch die Neugier ein. Sie flüstert mir zu, dass Abenteuer selten bequem sind. Ich nicke dem Mann zu, besorge mir ein Ticket und steige mit ihm ein, Zugabteil CR144438.
Der Mann spricht mit mir, als wäre ich ein Lottogewinn. Um uns herum ein Dutzend anderer Menschen, viele Augen sind auf mich gerichtet. Neugier und Ungewissheit zanken sich in meinem Rucksack und malen die besten und schlimmsten Bilder in meinem Kopf. Dann hält der Zug, wir sind da. Der Ort scheint leer und dunkel, kein Meer in Sicht. Der Mann spürt meine Ungewissheit und drängt mich beinahe zum Aussteigen. Ich bedanke mich für die Gastfreundschaft – und bleibe sitzen.
Weiter geht die Reise allein, 15 Stunden bis zur Endstation. Ich glaube das Ziel zu kennen, doch sicher bin ich nicht. Die Nacht bricht an, die Müdigkeit füllt den Raum, es bleibt ruckelig und laut. Plötzlich werde ich unsanft aus meinem Halbschlaf gerissen. Ein wütender Kontrolleur und verärgerte Passagiere starren mich an. Über sieben Ecken verstehe ich, dass ich auf einem reservierten Platz liege. Ich verkrieche mich auf einen anderen Platz. Und werde wieder verscheucht, von Platz zu Platz. Bis ein freundlicher, ruhiger Mann auftaucht. Er spricht mit dem Kontrolleur und findet mir und meinem Rucksack einen Platz.
Ich atme auf und schliesse dankbar die Augen. Nun habe ich eine Bleibe in dem Zug, der uns in die unbekannte Ferne trägt. Heute weiss ich: Mein Ziel war die Ungewissheit, mein Ticket die Neugier – und mein Souvenir das Abenteuer, für das ich diese Reise erst angetreten bin.
Sylvan Steiner (22) stammt aus Bern und steht am Anfang seiner beruflichen Selbstständigkeit. Er folgt seiner Neugier und lässt sich bewusst auf Wege ein, deren Ende offen bleibt. Neue Herausforderungen reizen ihn nämlich genau dann, wenn niemand weiss, wohin sie führen.