Ein Happy End aus heiterem Himmel
Auf einem Trek durch das indische Markha Valley stösst eine junge Frau an ihre Grenzen – und folgt zum Glück ihrem Bauchgefühl.
Nach vier Wochen im quirligen Japan und zwei Wochen im ruhigen Bhutan führt uns unsere dreimonatige Reise weiter nach Ladakh in Indien. Für mich geht damit ein kleiner Traum in Erfüllung. Endlich im Himalaya zu sein, umgeben von hohen Bergen, eindrücklichen Landschaften und einer Kultur, die stärker an Tibet als an Indien erinnert.
Hier wollen wir ein mehrtägiges Trekking machen. Gemeinsam mit unserem Guide Tashi planen wir eine Route durch das Markha Valley: fünf Tage, zwei über 5000 Meter hohe Pässe, weite Täler und eine überwältigende Bergkulisse. Nach einigen Tagen Akklimatisation in Leh mit kleineren Tagestouren starten wir.
Der erste Wandertag führt durch Bilderbuchlandschaften. Die Sonne scheint, wir begegnen Hirten mit Yaks, Ziegen und Dzos, passieren vereinzelte Häuser und Klöster. Am Abend schlafen wir in einer einfachen Steinhütte, gemeinsam mit anderen Reisenden. Alle sind voller Vorfreude, auch wenn der morgige Pass Respekt einflösst.
Am nächsten Morgen wachen wir in einer weissen Welt auf. Es hat geschneit, und es schneit weiter. Mit gemischten Gefühlen fragen wir uns, ob wir weitergehen können. Tashi bleibt zuversichtlich: Auf der anderen Seite liege kein Schnee. Wir vertrauen ihm und machen uns auf den Weg. Immerhin haben wir Trekkingkleider, Wanderstöcke und gute Schuhe dabei. Im Gegensatz zu den zwei Amerikanern, die sich nur in Jeans und Turnschuhen auf den Weg gemacht haben.
Langsam stapfen wir höher, die Luft wird dünn, Pausen sind nötig. Tashi wartet geduldig und immer lächelnd. Als wir die Passhöhe erreichen, ist die Erleichterung gross – und tatsächlich: Das Tal vor uns ist schneefrei, die Sonne scheint. Wir steigen ab und freuen uns auf die Einkehr in einer der kleinen Teestuben. Doch sie sind verlassen, eine nach der anderen. Wir sind zu früh in der Saison.
Mir geht es zunehmend schlechter, und langsam geht uns das Trinkwasser aus. Mein Kopf beginnt zu hämmern und mein Magen dreht sich, eine Migräne kündigt sich an. Das Tal ist wunderschön, aber der Marsch zieht sich scheinbar ewig in die Länge. Als wir endlich unsere Unterkunft erreichen, falle ich völlig entkräftet ins Bett. Mein Mann hält mir kalte Lappen an die Stirn. Ich verstehe nicht, was mit meinem Körper passiert.
Am nächsten Morgen fühle ich mich besser, doch es ist neuer Schnee angekündigt. Vor uns liegt ein weiterer hoher Pass – würde meine Kraft reichen? Nach langem Abwägen brechen wir den Trek ab. Ich bin untröstlich und mein Ego ist angekratzt: Hatte ich tatsächlich meine Fitness überschätzt? Die letzten Tage verbringen wir bei Tashi und seiner Familie. Die Ruhe tut gut, doch die Enttäuschung bleibt gross. Es fühlt sich wie ein Versagen an.
Bis ich sechs Wochen später, zurück in der Schweiz, einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halte. Meine Tochter gibt auch heute noch auf unseren Reisen das Tempo vor.
Larissa Zimmerli (39) arbeitet als Travel Agent beim Globetrotter Business Travel in Zürich. Ihr Antrieb beim Reisen ist es, in fremde Kulturen einzutauchen und immer wieder neue Geschichten zu erleben – am liebsten mit Happy End.