Drei Sterne und ein Krieg

Begegnungen & Menschen
Therese Musleh
15. Januar 2026

Jemen, 2003. Eine nächtliche Flucht über den Golf von Aden und ein unvergessliches Versteck: Diese Geschichte nimmt ein gutes und ein schlechtes Ende.

Jemen, dieses geheimnisvolle «Arabia felix», das glückliche Arabien: ein Land wie aus 1001 Nacht. Es übt eine grosse Faszination auf mich aus. Da möchte ich hin!

Getrieben von Abenteuerlust buche ich meine erste Reise. Ich schliesse mich einer Gruppe an, denn als allein reisende Frau habe ich Respekt vor diesem wenig bekannten Land. Die Reise wird grossartig. Mich beeindrucken die abwechslungsreichen Landschaften, die jahrhundertealte Architektur, die Traditionen und die grosse Gastfreundschaft der Menschen. Und eine Begegnung sollte alles verändern. Ich verliebe mich in Khaled.

Mit vielen Emotionen sitze ich im Flugzeug nach Hause. Ein innerer Konflikt tobt: Gefühl gegen Vernunft. Der Kopf sagt: vergiss Khaled, so eine andere Welt, zu kompliziert, zu viele Stolpersteine, das hat keine Zukunft. Doch da ist die Herzseite, die widerspricht.

Zurück in der Schweiz bleibt die Sehnsucht. Die Verbindung zu Khaled ist fragil: Jeden Abend schaue ich auf dem Balkon zum Himmel und suche unsere drei Sterne, ich in Steffisburg und Khaled auf dem Dach im Jemen. Ein Handy gibt es noch nicht, stattdessen seltene, teure Telefongespräche, Briefpost, E-Mails.

Eine weitere Reise drängt sich auf, diesmal allein. Gleichzeitig spitzt sich die politische Lage in der Region zu, der drohende Irakkrieg überschattet die Reisevorbereitungen. Meine Anspannung ist gross; ist es unvernünftig, hinzureisen? Ich ringe mit mir und mache meine Entscheidung von Khaleds Antwort abhängig. Sie kommt per E-Mail: Aiwa – ja, komm.

Während andere Ausländer das Land verlassen, sitze ich im Flugzeug nach Sanaa, voller Vorfreude. Zunächst scheint alles normal, glücklich reisen wir zu einem Strand, der nur mit Boot zu erreichen ist. Während wir aufs Meer schauen, meint Khaled: «Es ist anders als sonst, etwas liegt in der Luft». Er zeigt aufs Meer: «Die Fischerboote sind nicht da». Die Stimmung kippt, als plötzlich aus der Dunkelheit unser Fischer herbeieilt: «Ihr müsst weg, der Irak-Krieg ist ausgebrochen, die Männer sind alle wütend auf den Westen!» Mit einer nächtlichen Flucht über den Golf von Aden und einer langen Autofahrt durch den Jemen versuchen wir, uns bei Khaleds Zuhause in Sicherheit zu bringen. Vermummt mit Mantel und Kopftuch spiele ich bei jedem Checkpoint die schlafende Jemenitin. Wie in einem James-Bond-Film!

Wir schaffen es, doch nun ist nichts mehr unbeschwert. Männer mit Krummdolchen und Kalaschnikows prägen das Strassenbild. Ich bin in einem Land, das mehr Kalaschnikows als Einwohner hat. Die Stimmung ist aufgeheizt. Khaled sorgt sich und bringt mich zu seiner Familie, wo ich im Kreis der Frauen und Kinder unvergessliche Tage verbringe. Auch wenn es ein Leben im Versteck ist: Eingebettet im Schoss der Familie lerne ich viel über den jemenitischen Alltag und das Leben. Als sich die Gelegenheit bietet, bringt mich Khaled zurück zum Flughafen, ich kehre in die Schweiz zurück.

Heute weiss ich: Die Herzseite hat gewonnen! Wir geben uns später in Sanaa beim Imam das Eheversprechen. Mittlerweile sind wir seit über zwanzig Jahren verheiratet und haben eine wunderbare Tochter. Im einstigen «Arabia felix» herrscht dagegen der vergessene Krieg und eine der schlimmsten humanitären Krisen der Welt. Jemen, ein so wunderbares Land mit so lieben Menschen, es macht mich traurig und weckt bis heute meine Sehnsucht – und die Hoffnung, dass das glückliche Arabien eines Tages zurückkehrt.

Therese Musleh (61) arbeitet beim Globetrotter Travel Service in Bern in der Zentralen Administration und fühlt sich dank dem Reisen wie 41. 

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