Stella sorgt für Sternchen im Stall
Schweiz, 2025. Ein Alpsommer ist wie eine Abenteuerreise: anstrengend, beglückend und nicht ohne Verletzungsgefahr.
Erschöpft vom Heuen in der «Höll», unserer steilsten Parzelle, treibe ich die Kühe in den Stall. Sie gehen alle an ihren angestammten Platz. Ausser Stella. Stur stellt sie sich auf die falsche Seite. Stella erhält Spezialfutter wegen ihrer hohen Milchleistung und muss sich deshalb neben Bailey oder Alfa einreihen, die ebenfalls besonders gefüttert werden. Ich führe sie zwischen den anderen Kühen hindurch Richtung Bailey. Sie gehorcht mir widerwillig, und als sie sich in den engen Platz neben Bailey zwängt, prescht sie plötzlich mit voller Kraft nach links. Dabei erwischt sie meinen linken Fuss und knickt diesen seitlich ab.
Stella ist jetzt zwar am richtigen Ort, aber mein Fuss schmerzt höllisch. Einen Moment lang sehe ich Sternchen. Ich setze mich auf den Stallboden. Nach ein, zwei Minuten wage ich es, wieder aufzustehen und merke: Es geht, einigermassen. Humpelnd binde ich Stella an und mache weiter mit der Routine: füttern, melken, ausmisten. Irgendwie überstehe ich diesen Abend.
In den kommenden Tagen benötige ich Durchhaltevermögen. Gummistiefel sind die einzigen Schuhe, in die mein geschwollener Fuss hineinpasst. Ein paar Tage später habe ich Zeit, ins Tal zur Ärztin zu gehen: Der Fuss ist nicht gebrochen, aber ich habe einen Bänderriss. Die Ärztin gibt mir eine Heilsalbe und Schmerzmittel. Sie sagt auch etwas von «Schonen», was ich jedoch gerne überhöre.
Bei der Arbeit kürzer zu treten, ist keine Option. Zu gut gefällt es mir hier. Gemeinsam mit meiner Alpkollegin Alexandra und der Bauernfamilie schmeisse ich seit drei Monaten die Alp Metzg auf dem Stoos im Kanton Schwyz und kümmere mich um die über 200 Tiere. Unglaublich, wie einem diese ans Herz wachsen. Mit den verspielten Kälbern Chili und Flori springe ich manchmal am Abend auf der Weide herum: ich voraus, die Kälber hintendrein. Okay, seit dem Malheur im Stall springe ich nicht mehr. Aber was für Glücksmomente!
Alexandra und ich meistern gemeinsam viele Herausforderungen. Schön sind die Abende, wenn wir alle zusammensitzen und die Bäuerin Vreni ihr Schwyzerörgeli hervornimmt. Vor uns das Bergpanorama. Im Hintergrund der Klang der Kuhglocken.
Der restliche Sommer nimmt seinen Lauf, mein lädierter Fuss hält durch. Und plötzlich ist er da: der Tag der Alpabfahrt. Es ist bewegend, meine Lieblinge im Blumenschmuck und mit ihren Treicheln zu sehen. Nachdem wir die Tiere ins Tal getrieben haben, fahren Alexandra und ich wieder hoch. Wir werden hier die nächsten Tage die Alp aufräumen. Am Abend beim Rufen des Alpsegens erfasst mich ein Gefühl, das eine andere Älplerin treffend beschrieben hat: Gegen Ende des Alpsommers ist man froh, dass es vorbei ist, weil es so streng ist. Gleichzeitig will man, dass es niemals endet, weil es so schön ist. So ist es. Mein Fuss braucht eine Pause. Aber mein Herz ist erfüllt.
Claudio Gabriel (38) wohnt im Kanton Zürich und arbeitet als Pfarreiseelsorger. Der Alpsommer 2025 war sein erster, aber nicht sein letzter.