A lo Cubano Schweisstreibende Flitterwochen
Kuba, 2002. Ein frisch vermähltes Ehepaar will langsam in den Latino-Alltag eintauchen. Doch schon nach sechs Tagen droht die vorzeitige Rückreise.
Flitterwochen in Kuba, wir können es kaum erwarten! Für mich als kolumbianisch-schweizerische Doppelbürgerin bedeutet die Latino-Kultur immer auch ein zweites Zuhause. Mein Mann und ich wollen zudem an das Abenteuer zwei Jahre zuvor anknüpfen, als wir gemeinsam um die Welt reisten. Wir durchquerten Teile Südamerikas, Asiens und Australiens, ein ganzes Jahr lang. Diese Reise prägte uns nachhaltig, seither wissen wir: Unsere gemeinsame Geschichte wird immer auch eine Reisegeschichte sein.
In Kuba ist unsere Devise: langsamer, bewusster und näher bei den Menschen. Wir wollen in familiären Casas Particulares wohnen, am Küchentisch unserer Gastgeber essen, Buena Vista Social Club hören, Salsa tanzen und uns vom Rhythmus des Landes tragen lassen. Mit dem Mofa durch die Tabakfelder von Viñales fahren, Trinidad erkunden, in das pulsierende Leben Havannas eintauchen und auf Cayo Largo Ruhe und Weite finden.
Doch schon bei der Ankunft in Havanna spüre ich, dass etwas nicht stimmt. Ein Druck im Magen, eine seltsame Benommenheit. Am nächsten Tag kommt das Fieber. Es hält sich hartnäckig, kehrt jeden Nachmittag zurück und bleibt bis tief in die Nacht. Paracetamol und Essigsocken helfen jeweils nur kurz. Die kubanische Ärztin findet keine Ursache – ausser dem Fieber habe ich keine Symptome.
Nach sechs Tagen entscheiden wir uns, die Reise vorzeitig abzubrechen und nach Hause zu fliegen. Ich erzähle vor der Abreise beiläufig der Köchin unserer Gastfamilie von meinen Problemen. Sie schaut mich lange an und sagt dann: «Ich kann dich behandeln.» Die Köchin, so stellt sich heraus, ist eine Orisha – eine spirituelle Heilerin, tief verwurzelt in der afro-kubanischen Tradition.
Ich warte in meinem Zimmer. Sie kommt mit einer Flasche Öl, bittet mich, mich aufs Bett zu legen, knetet kräftig meine Waden und klopft auf die Fusssohlen. Anschliessend gibt sie mir zweimal einen Löffel Salz mit Öl und danach einen heissen Kräutertee. Ihre Stimme ist ruhig und voller Gewissheit. «In zwei Stunden», sagt sie, «wird sich dein Körper lösen.»
Am Abend fühle ich mich zum ersten Mal wieder ganz bei mir. Das Fieber kehrt nicht zurück. Kuba hat mich geprüft – und schenkt mir auf vertraute Weise Heilung, ganz a lo cubano.
Unsere Flitterwochen gehen mit neuer Leichtigkeit weiter, mit Dankbarkeit, viel Musik und der Gewissheit, dass Kuba uns noch lange begleiten wird.
Tatiana Stadler (53) ist Psychologin und Yogalehrerin aus Hofstetten SO. Reisen sind für sie nie nur Ortswechsel, sondern auch Begegnungen mit sich selbst – immer begleitet von Offenheit und der tiefen Vertrautheit mit der Welt, auch wenn sich diese wie ein fiebriger Traum anfühlt.