Die Frau Am Ende des Ganges

Begegnungen & Menschen
Paola Scaburri
10. Juli 2026

Myanmar, 2002. Warum auch verlorene Reisetage manchmal die schönsten Folgen haben.

Da liege ich in Yangon in meinem 4-Quadratmeter-Zimmer bei 35 Grad und enormer Luftfeuchtigkeit und fühle mich hundeelend. Ich pendle zwischen Bett und der engen Etagentoilette draussen im Gang. Alles, was ich zu mir nehme, kommt umgehend wieder raus: Tee, Wasser, Bananen, Reis. Langsam mache ich mir Sorgen. Der Körper braucht ja Flüssigkeit, insbesondere bei dieser Hitze.

Habe ich etwas Schlechtes gegessen, als ich bei den Mönchen zu Besuch war? Auf ihrem täglichen Rundgang durchs Quartier erhalten die Mönche von allen Seiten Essensgaben – hier etwas gekochten Reis, da ein paar Tomaten. Das Ritual vollzieht sich allmorgendlich bei Tagesanbruch, und es war wunderschön zu beobachten, wie die Mönche in ihren roten Gewändern in einer Reihe durch die Strassen ziehen. Aber womöglich war von dem, was sie mit mir geteilt haben, etwas verdorben. 

Oder es war das eisig klimatisierte Reisebüro, in dem ich verschwitzt über eine Stunde warten musste, bis ich an der Reihe war? Bei der anschliessenden Tempelbesichtigung wurde mir schwindlig und so speiübel, dass ich mich übergeben und völlig geschwächt in den Tempel legen musste. Ich schleppte mich aus der Anlage und winkte einem Rikschafahrer zu, der mich schliesslich zurück in die Pension brachte.

Seither liege ich also da in meinem Kämmerlein. Damit etwas frische Luft zirkulieren kann, lasse ich die Tür offen stehen. So lerne ich Stefanie aus Berlin kennen. Sie hat ihr Zimmer am Ende des Ganges und kommt täglich mehrmals an meiner Tür vorbei. Sie bringt mir Wasser und Bananen und erzählt von ihren Entdeckungen in der Stadt. Irgendwann vergleichen wir unsere Reisepläne und stellen fest, dass wir zur gleichen Zeit in Bagan sein werden, der faszinierenden Tempellandschaft im Norden des Landes. Dort werden wir uns wiedersehen!

Bagan, zehn Tage später: Mein Magen hat sich endlich erholt, ich bin unermüdlich unterwegs. Tagsüber besichtige ich Tempel, einer erstaunlicher als der andere. Abends halte ich mich im überschaubaren Zentrum von Bagan auf, wo die Restaurants alle über offene Terrassen verfügen. Doch auch am dritten und letzten Abend: keine Spur von Stefanie. Wir waren uns so sicher, dass wir uns unmöglich verpassen können – und nun passiert genau das. Ich bin sehr betrübt, denn ich habe Stefanie liebgewonnen und mich so auf sie gefreut. Ob ich sie je wiedersehe? Ich kenne ja nur ihren Vornamen. 

Gedankenversunken sitze ich auf einer der Terrassen und versuche, mich mit der Situation abzufinden – da steht sie plötzlich vor mir! Die Freude ist riesig, beidseits. Auch sie hatte die Hoffnung bereits aufgegeben, mich noch zu treffen. Wir geniessen den Abend, erzählen und lachen viel und tauschen Adressen aus.
Das ist über zwei Jahrzehnte her. Und seither schicken wir einander regelmässig Post zu. Handgeschrieben, mit Briefmarke, Stempel, vielleicht einem Eselsohr, einem Verschreiber oder einem Kaffeefleck. Und jedes Mal, wenn ich freudig einen ihrer Briefe öffne, denke ich, dass jene elenden Tage zwischen Bett und Etagentoilette in Yangon auch ihr Gutes hatten.

Paola Scaburri (50) ist Kommunikations- und Sprachprofi und gleich alt wie die Firma Globetrotter, für die sie zwischen 2000 und 2013 selbst gearbeitet hat.

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