Am Rand der Hauptstrasse
Indien, 2013. Nach einer Biketour über den höchsten Pass der Welt offenbaren sich beim Taj Mahal tiefe Abgründe.
Die ersten 20 Tage unserer Reise sind dem Biken in einer für mich neuen, faszinierenden Bergwelt gewidmet. Unser Guide lotst uns gekonnt durch die unberührte Natur Nordindiens, durchs Kinnaurtal nach Kalpa, zum Kloster Dankar und über den höchsten befahrbaren Pass der Welt, den Kardung La, auf 5600 Metern über Meer. Die Tour fordert uns mit Tagesetappen von bis zu 112 Kilometern und 2500 Höhenmetern.
Unterwegs besuchen wir eine Nomadenschule, die im Winter wegen fehlender Heizung während drei Monaten geschlossen ist. Wir sehen Frauen, die auf Baustellen und im Strassenbau körperliche Schwerstarbeit verrichten. Gleichzeitig gewinnen wir den Eindruck, dass die Menschen in diesem Teil Indiens nicht hungern müssen und gepflegt wirken.
Ganz anders präsentieren sich uns später Delhi und Agra mit dem weltberühmten Taj Mahal. Mit Bus und Bahn reisen wir zu diesen Sehenswürdigkeiten. Die Bilder der Strassenkinder erschüttern mich. Sie liegen neben vielbefahrenen Strassen auf dem harten Boden, den Abgasen und der Witterung schutzlos ausgesetzt. Eine Mutter «wohnt» mit ihren Kindern am Rand einer Hauptstrasse und hofft auf eine Spende – Geld oder etwas zu essen. Nur wenige Meter entfernt donnern Autos und Lastwagen vorbei.
Ich frage mich, ob es in der grössten Demokratie der Welt tatsächlich kein soziales Auffangnetz für diese Menschen gibt. Die Kinder tragen schmutzige, zerrissene Kleider. Sie wirken ausgehungert, manche haben sichtbare Wunden. Mit traurigen Augen strecken sie ihre kleinen Hände nach einer Spende aus. Was wird aus ihnen werden?
Nur wenige Strassen weiter reihen sich Luxusboutiquen von Prada, Gucci oder Hermès aneinander. Touristen strömen zum Taj Mahal oder nach Fatehpur Sikri, der ehemaligen Hauptstadt des Mogulreichs. Viele schauen lieber weg. Auch die Einheimischen scheint das nicht zu kümmern.
Zurück in der Schweiz halte ich an verschiedenen Orten Vorträge über die Reise. Eintritt verlange ich nie. Stattdessen sammle ich Spenden und leite sie an den Verein Alaigal weiter, der Strassenkinder in Südindien unterstützt.
Es ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Aber immerhin.
Linus Steigmeier (70) ist pensionierter Bankfachmann aus Villigen AG und hat schon einige Abenteuer mit dem Bike erlebt. Daneben widmet er sich gerne auch dem Marathonlaufen, dem Langlauf und seinen sieben Enkeln.