Wenn das grösste Abenteuer erst auf der Rückreise wartet
Thailand, 1995. Vier paradiesische Wochen gehen zu Ende – doch dieses Ende ist nichts für schwache Nerven.
Zwischen Abitur, Zivildienst und dem Start meiner Ausbildung liegen ein paar freie Monate vor mir. Also auf zu neuen Abenteuern – auf nach Thailand! Gemeinsam mit zwei Freunden verlasse ich zum ersten Mal Europa. Unser Budget ist klein, also buchen wir den günstigsten Flug, den wir finden: mit der rumänischen Fluggesellschaft Tarom.
Schon die Anreise beginnt abenteuerlich. Wir fliegen nicht wie erwartet direkt nach Bangkok, sondern machen eine Zwischenlandung auf einem rumänischen Militärflughafen. Nach einer gefühlten Weltumrundung über Bukarest und Abu Dhabi erreichen wir schliesslich unser Ziel. Vier fantastische Wochen folgen – Bangkok, traumhafte Inseln und Erlebnisse, die bis heute bleiben.
Doch das grösste Abenteuer wartet auf der Heimreise. Am Flughafen Bangkok herrscht Chaos, von unserem Flugzeug keine Spur. Es dauert Stunden, bis wir erfahren, was passiert ist: Die Maschine, die uns nach Hause bringen sollte, ist zuvor auf dem Weg von Bukarest nach Brüssel abgestürzt. Alle 60 Menschen an Bord sterben.
Der Schock sitzt tief. Plötzlich rückt die eigene Reise in den Hintergrund.
Bald stellt sich aber auch die Frage: Wie kommen wir jetzt eigentlich nach Hause? Nach stundenlangem Warten werden wir mit Bussen in ein Hotel in Bangkok gebracht. Niemand weiss, wann oder wie es weitergeht. Einen Tag später steht eine völlig überbuchte Ersatzmaschine bereit. Mit etwas Glück ergattern wir tatsächlich drei Sitze, steigen erleichtert ins Flugzeug ein und glauben, das Schlimmste überstanden zu haben. Ein Irrtum.
Die Beinfreiheit ist ein schlechter Witz und kurz nach dem Start fällt die Kühlung der Kabine aus. Mit jeder Stunde wird es heisser. Bald sitze ich oben ohne auf meinem Platz und versuche, die Hitze stoisch zu ertragen, während der Schweiss in Strömen fliesst.
Irgendwie überstehen wir auch das.
Beim Umsteigen in Bukarest wartet allerdings die nächste Überraschung. Kurz bevor wir in den Flieger nach Frankfurt steigen, wird Bombenalarm ausgelöst. Militärfahrzeuge mit Blaulicht umstellen ein Flugzeug. Die Ursache des Absturzes vom Vortag ist zu diesem Zeitpunkt noch ungeklärt, in den Medien wird sogar über einen Sprengsatz spekuliert. Ich schaue meine Freunde an und sage: «Wenn wir das hier überleben, schmeisse ich eine riesige Party.»
Zum Glück stellt sich alles als Fehlalarm heraus. Irgendwann sitzen wir endlich im Lufthansa-Flieger nach Hause. Noch nie fühlte sich ein Flug so angenehm an. Die Sitze sind bequem, die Klimaanlage funktioniert – und der servierte Shrimpscocktail schmeckt nach all den Strapazen wie ein Fünf-Sterne-Menü. Es ist ein versöhnliches Ende unseres tollen Thailand-Abenteuers, von der am intensivsten die Rückreise in Erinnerung bleibt.
Und die versprochene Party? Die findet etwas später tatsächlich statt – und ist mindestens so legendär wie das Abenteuer selbst.
André Patrzek (51) arbeitet als Account Manager für die Europäische Reiseversicherung ERV und ist seit über 20 Jahren mit Leidenschaft im Tourismus tätig. Auch dieser Rückflug konnte ihm die Freude am Reisen nicht nehmen.