Wenn der Himmel tanzt
Indien, 2025. Ein Tempelfest gerät zum ekstatischen Ritual. Alle werden Teil von etwas Grösserem – und sind komplett durchnässt.
Ich stehe mitten im Herzen Indiens, zwischen zwei Dörfern, deren Bewohnerinnen und Bewohner für ein uraltes Tempelfest zusammenkommen. Es ist, als hätte die Zeit ihren Atem angehalten. Der Duft von Räucherstäbchen liegt in der Luft, gemischt mit dem schweren, süssen Geruch reifer Mangos und dem schwelenden Versprechen des Monsuns.
Als Fremder angekommen, werde ich schnell Teil von etwas Grösserem. Lachende alte indische Männer helfen mir, den Wickel meines Lungis richtig zu binden; der traditionelle Hosenrock fühlt sich schnell wie eine zweite Haut an. Ein Priester streicht mir Öl auf die Stirn, seine Hand zittert leicht, als er murmelnd Segensworte spricht. Ich spüre die Salbung tief unter der Haut, wie ein Versprechen, das mich mit dieser Erde verbindet. Alles ist mir fremd und neu, nichts ist unangenehm.
Über allem hängt die Angst vor dem Monsun. Die Hitze ist drückend, die Luft elektrisch aufgeladen. Jeder Blick zum Himmel ist eine bange Frage: Endet das Fest, bevor es beginnen kann?
Mit einer goldenen Tafel soll ich einen Elefanten schmücken. Seine ruhigen Augen scheinen alles zu wissen, er duldet meine Unsicherheit, als ich ihn mit dem glänzenden Schild kröne. Später stehe ich in einer improvisierten Küche mit riesigen Töpfen über offenem Feuer und rühre gemeinsam mit Dorfmenschen das Festessen. Reis, Linsen, scharfe Chutneys, es hat für alle genug. Wir essen mit den Händen von einem schlichten Bananenblatt.
Gegen Abend beginnt das Trommelkonzert. Das Getrommel ruft Geister, Götter und Ahnen. Wir ziehen musizierend mit den geschmückten, entspannten Elefanten durch das Dorf: Körper an Körper, Farben, Lachen, sogar Feuerwerk. Dann bricht der Himmel auf!
Der Monsun kommt nicht in Stille, er stürzt herab wie ein längst vergessenes Versprechen. Und trotzdem – oder gerade deshalb – tanzen wir weiter. Der Boden ist bald rutschig, die Kleider schwer, doch niemand will aufhören.
Eine ekstatisch tanzende Dorfgemeinschaft, alle sind durchnässt, ich mitten drin. Plötzlich gehöre ich dazu, nicht nur als Gast, sondern als Teil dieses lebendigen, fremden und wilden Moments. Ich bin aufgenommen worden in einen Kreis, in ein Ritual – und in eine Erinnerung, die mir niemand mehr nehmen kann.
Jonny Fischer (46) ist ein Schweizer Komiker und Teil des Duos Cabaret Divertimento. Für das SRF-Format «Zwei Reisen» hat ihn eine Kamera auf weiteren Reiseabenteuern in Lappland und der Mongolei begleitet, nachzusehen online auf Play SRF.