Die wunderbare Welt geht auch in Rio nicht unter

Begegnungen & Menschen
Giuseppe Giunta
10. Juli 2026

Brasilien, 1999. Eine lange Reise mit Rucksack beginnt toll und wird täglich besser. Ist das Glück irgendeinmal aufgebraucht?

Es sollen die schönsten sechs Monate meines Lebens werden: Mit dem Rucksack durch Südamerika – Hinflug Economy am 3. Juli 1999, Rückflug Economy am 3. Januar 2000 ab Rio de Janeiro. Dazwischen: alles offen.

Wir reisen zu zweit, mein bester Kumpel und ich. Ich nehme sechs Monate unbezahlten Urlaub, er kündigt sogar seine Stelle. Wir wollen in Brasilien starten, ohne feste Route, ohne genauen Plan. Von dort über den Amazonas nach Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien und zurück nach Brasilien. Der Höhepunkt soll der Jahrtausendwechsel in Rio de Janeiro werden.

Die ersten Wochen sind wunderschön und erholsam, mit so vielen schönen Gefühlen und Eindrücken. Nach zwei Monaten glaube ich, das Maximum an Glück und Freude erreicht zu haben. Kann es denn noch besser werden? Tatsächlich komme ich nach zwei weiteren Monaten zum Schluss, dass sich die Welt um mich herum und meine Freude in noch grossartigeren Sphären bewegt. Jeder Tag scheint schöner als der vorherige, so geht das einfach immer weiter. Dann rückt bereits der Millennium-Wechsel näher.

Wir erreichen pünktlich und planmässig Rio. Überall wird über Computerabstürze und mögliche Katastrophen spekuliert. Doch statt dass die Welt untergeht, wird es noch besser: Ein tolles Neujahrsfest, wir tanzen und feiern und geniessen. Am Ende sind es 180 Tage, die wir zusammen unterwegs sind, einzig an einem Tag haben wir eine kurze Reiberei untereinander. Das nenne ich Freude und Glück!

Schliesslich verschenke ich meine Habseligkeiten auf der Strasse und begebe mich mit meinen letzten Klamotten am Körper zum Flughafen. Dort komme ich mit einer sympathischen Dame am Check-in ins Gespräch. Nach einer Weile lächelt sie und sagt: «Você é uma pessoa muito apaixonada pela vida» – ich sei ein Mensch, der das Leben liebe. Ich hätte in meinen Erzählungen so viel Freude ausgestrahlt, dass ich ein Geschenk verdient hätte. Ich freue mich und denke mir nicht viel dabei.

Erst als ich das Flugzeug betrete, merke ich, dass ich ein Upgrade erhalten habe: Business Class, Sitz 2A. Der Flight Attendant in Anzug und Krawatte schaut mich und meinen Boardingpass etwas erstaunt an. Mein Erscheinungsbild und mein Sitzplatz passen offenbar nicht ganz zusammen. «Ja», sage ich ihm, «ich sehe wohl aus wie ein Gestrandeter. Aber keine Sorge – ich hatte die letzten 6 Monate unglaublich viel Glück!»  

Guiseppe Guinta (57) ist Case Manager aus Köniz BE und freiheitsliebendes «Reisefüdle». Er mag fremde Sprachen und den persönlichen Kontakt mit Menschen aus anderen Kulturen. Die Reise durch Südamerika bleibt bis heute die unvergesslichste Zeit seines Lebens.

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