Im Hängemattendampfer zur Dschungel-Oper
Brasilien, 2016. Wenn ein Traum gross genug ist, nimmt man auch sehr weite Wege und grelle Nächte in Kauf, um ihn zu verwirklichen.
Mitten im Amazonas gibt es ein prächtiges Opernhaus. Es ist das Wahrzeichen der brasilianischen Dschungelmetropole Manaus. Seit Jahren träume ich davon, in diesem Teatro Amazonas eine Vorstellung zu besuchen. Nun mache ich mich auf, den Traum zu verwirklichen, zusammen mit meiner Reisegefährtin Laura. Unser Reiseplan: im Zug nach Frankreich, weiter mit dem Frachtschiff über den Atlantik und schliesslich im Hängemattendampfer den Amazonas flussaufwärts zum Opernhaus.
Die Schifffahrt über den Atlantik ist wunderschön. Den Zielhafen von Belém bereits in Sicht, liegen wir allerdings noch dreissig Stunden vor Anker, weil kein Liegeplatz frei war. Dann können wir endlich an Land, bevor es gleich wieder aufs Wasser geht – im Hängemattenschiff geht die Reise weiter nach Manaus. Für diese bringt jeder Reisende seine eigene Hängematte mit, die er in einem grossen Schlafsaal mit 200 weiteren Reisenden aufhängt – für ganze sechs Nächte. So lange dauert diese epische Schifffahrt den Amazonas stromaufwärts.
Als ich den Schlafsaal mit all den Hängematten betrete, bleibt mir der Mund vor Staunen offen stehen: Der Motorenlärm ist laut, die Hängematten sind dicht an dicht aufgespannt und das Neonlicht leuchtet grell – Tag und Nacht, wie uns erzählt wird.
Es hilft alles nichts, sagen wir uns, machen wir das Beste daraus.
Nach der ersten Nacht verweile ich am frühen Morgen am Bug des Schiffes und beobachte den vorbeiziehenden Regenwald. Eine zauberhafte Erfahrung. Als wir uns Tage später Manaus nähern, sind wir aber doch froh – und voller Vorfreude auf die Oper. Andere Reisende sind mit Reiseführer unterwegs und berichten, dass aktuell gar keine Vorstellungen stattfinden. Ich schlage diese Zweifel in den Wind und antworte stur: «Heute Abend gehe ich in die Oper!» Meine Mitreisenden lächeln. Sie halten mich wohl für verrückt.
In Manaus angekommen, ziehe ich meinen weissen Anzug an, setze einen Panamahut auf und spaziere gemeinsam mit Laura zum Opernhaus. Als wir endlich am Ziel sind, stellen wir fest: Es gibt tatsächlich eine Vorstellung, und zwar nicht irgendeine! Die Oper feiert genau an diesem Abend ihr 120-Jahr-Jubiläum, und der Bürgermeister von Manaus lädt zum grossen Fest.
Allerdings hat sich vor dem Eingang eine lange Warteschlange gebildet. Wir stellen uns hinten an und warten und hoffen – und schaffen es tatsächlich gerade noch hinein. Ich erhalte den allerletzten freien Platz, in der Loge direkt neben dem Orchester. Mein grosser Traum wird wahr.
Am nächsten Morgen reisen wir weiter flussaufwärts bis nach Ecuador. Als ich Monate später wieder zu Hause bin, lese ich nach, wie viele Menschen Platz finden in dem 1896 gebauten Opernhaus. Es sind 701 Sitzplätze. Zum Glück haben sie damals noch diesen einen zusätzlichen Platz eingebaut.
Gregor Sieböck (49) ist seit 2003 mit seinem Projekt Global Change als «Weltenwanderer» unterwegs: globalchange.at. Der österreichische Wirtschafts- und Umweltwissenschaftler gab einst seinen Job bei der Weltbank in Washington D.C. auf, um sich ganz seiner Berufung als Reisender zu widmen. Ab dem 14. März 2027 wird Sieböck mit seiner Live-Show DER WELTENWANDERER in der Schweiz auf Tour sein.
Infos und Tickets: explora.ch