In der Luft Geht ein Licht auf

Abenteuer & Outdoor
Marina Bianca Ganci
03. Juni 2026

Neuseeland, 2025. 3600 Meter freier Fall, viele Tränen im Gesicht – und plötzlich eine entscheidende Erkenntnis.

Ich stehe am Frühstückstisch in meinem Hostel in Queenstown, als mein Handy klingelt. Eine nette Schweizer Stimme möchte mich zum Vorstellungsgespräch für die Stelle als Meteorologin einladen. Ich schlucke leer und dann noch mal, als eine Mail der Neuseeländischen Einreisebehörden in den Posteingang flattert – mein Visumantrag auf drei weitere Monate in Neuseeland wurde genehmigt. Das letzte Mal schlucke ich bei der dritten Mail: Der Sprung aus dem Flugzeug wird heute endlich Realität.

Was für ein Emotionscocktail zum Frühstück. Die ersten Tränen des Tages schiessen mir in die Augen. Heiss und voller Wucht, weil ich nicht verstehe, wie so viele schöne Dinge auf einmal passieren können. Gleichzeitig schmerzt mein Herz, weil ich weiss, dass beides möglich ist, aber nicht gleichzeitig wahr werden kann. Ich werde wütend auf die schönen Dinge, wütend und traurig zugleich und – lasse los.

Fünfzehn Minuten lang fliegen wir über Berge. Mulden liegen zwischen den Gipfeln, mal mit Schnee gefüllt, mal steinig und dunkel, dann erscheint Lake Whakatipu. Das Flugzeug-Fenster ist ganz klein, durch das ich stumm hinab auf die Welt schaue. Ich rücke Stück für Stück nach vorn zur offenen Tür, Flugwind zieht durch die Kabine, einer nach dem anderen springt. Dann bin ich an der Reihe. Auf mich warten: Dreitausendsechshundertsiebenundfünfzigkommasechs Meter und etwas mehr als eine Minute im freien Fall.

Zuerst fühlt es sich an wie auf der Achterbahn, dieses unangenehme Oh-mein-Gott-Gefühl des freien Falls. Sekunden später löst sich alle Angst in Luft auf, und ich muss laut loslachen, weil ich mich völlig gelöst diesem grandiosen Schauspiel hingeben kann: Der Horizont wölbt sich, wie ich es nur von Bildern kenne, unter mir die wunderschöne Berg- und Seelandschaft. Plötzlich rase ich auf eine Wolke zu, auf der sich ein kreisrunder Regenbogen zeigt. Es geht alles so schnell, im nächsten Moment flattere ich durch Regenbogen und Wolke hindurch. Eine Erinnerung, die bis heute manchmal vor meinen Augen aufleuchtet.

Ich weine, den ganzen Weg nach unten, so emotional ist das alles. Und als ich dann im Fallschirm hänge, mit Tränen und Schnuder im Gesicht, wird mir klar, dass ich mehr weiss, als ich dachte. Dass ich hier leben will, jetzt und für immer. Und komischerweise brauche ich dazu nicht einmal Neuseeland selbst. Ich brauche nur mich – mein Inneres, diesen Kern, mein Zuhause. Endlich habe ich es gefunden, dieses Sichwohlfühlen. In mir, in Neuseeland.

Marina Bianca Ganci (30) aus Zürich arbeitet heute als Meteorologin und Lehrperson und hat im Land der langen, weissen Wolke nicht nur Schönheit gefunden, sondern auch ihr emotionales Zuhause. In ihrem Blog kiwimillie.wordpress.com hat sie ihre dreimonatige Reise festgehalten.

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