Eiskalte Wärme Am anderen Ende der Welt
Neuseeland, 2014. Nach der Ankunft bei der Gastfamilie schlägt das Heimweh gnadenlos zu. Dann klopft es an der Türe.
Es ist kurz vor Weihnachten. Während die Schweiz im Schnee versinkt und es überall nach Zimt und Kerzen riecht, mache ich mich auf den Weg ans andere Ende der Welt. Zum ersten Mal ganz alleine, ohne grosse Reiseerfahrung, dafür mit einem Rucksack voller Träume und ziemlich nervös. Drei Monate wird mein Aufenthalt in der Fremde dauern.
Ich stehe am Flughafen, meine Familie und mein Freund halten mich im Arm. Als ich durch die Passkontrolle verschwinde, spüre ich die ganze emotionale Wucht des Weggehens: Dieses Gefühl zwischen Aufbruch und Abschied, es tut weh und fühlt sich gleichzeitig so richtig an.
Bei der Ankunft in Auckland ist alles fremd: überall unbekannte Gerüche, Geräusche und Gesichter. Meine Gastfamilie holt mich ab, sie ist herzlich, aber für mich halt auch unbekannt. In meinem neuen Zimmer setze ich mich aufs Bett und beginne, mein Gepäck auszupacken. Da entdecke ich ein kleines, liebevoll verpacktes Päckli von meinem Freund. Sein handgeschriebener Brief trifft mich mitten ins Herz.
Ich sitze auf halb ausgepackten Koffern, weit weg von allem Vertrauten, und das Heimweh kickt ein erstes Mal richtig rein. Mir laufen die Tränen hinunter, da klopft es leise an der Tür. Zwei kleine Mädchen, meine Gastschwestern, stecken neugierig ihre Köpfe hinein – und erschrecken, als sie mich weinen sehen. Sie ziehen sich hastig zurück. Das war wohl kein guter Start.
Doch nur wenige Minuten später klopft es erneut. Diesmal kommen sie ganz herein, schüchtern, aber mit einem grossen Glacebecher in den Händen und drei Löffeln darin. Die Ältere lächelt mich an und sagt mit einer herzerwärmenden Selbstverständlichkeit: «Weisst du, wenn wir Glace essen, sind wir nachher immer viel glücklicher.»
So sitzen wir da, drei Mädchen, die sich ein Eis teilen, ich lache und weine gleichzeitig. Und vor allem fühle ich mich nicht mehr ganz so verloren. Das Gefühl eines neuen Zuhauses kann manchmal schneller entstehen, als man es noch fünf Minuten zuvor für möglich gehalten hat.
Ein einfacher Eisbecher wurde so zu einem Symbol für all das, was Reisen für mich bedeutet: Begegnungen, die berühren, Wärme an fremden Orten – und die Erkenntnis, dass die schönsten Momente oft die sind, die man nicht planen kann.
Nicole Bieri (31) arbeitet als Stv. Filialleiterin beim Globetrotter Travel Service in Rapperswil SG. Sie bleibt mittlerweile im Winter auch gerne in der Schweiz für die Berge und das Skifahren, liebt aber auch die Wärme. Nur in Grossstädten fühlt sie sich immer noch schnell verloren.