Am Ende der Strasse
Italien, 2018. Der Weg zu einer verlassenen Nato-Funkstation ist holprig und zerklüftet – und nimmt unerwartete Wendungen.
Es ist der vierte Tag unseres ersten «Lost Places»-Trips in Italien. Die Sonne geht bald unter, und mit jedem Kilometer, den wir im Auto unserem Ziel näher kommen, wächst die Vorfreude. Unser heutiges Nachtlager wollen wir in einer verlassenen Nato-Funkstation aufschlagen: auf einem abgelegenen Gipfel, umgeben von grünen Tälern und schroffen Felsen. Eine atemberaubende Szenerie.
Wir sind schon dabei, die Kochpläne fürs Abendessen zu diskutieren, als die Strasse plötzlich merklich schlechter wird. Nach einigen harten Aufsetzern ist klar, dass wir mit unserem überladenen Kleinwagen nicht weiterkommen. Der Blick zum Horizont verrät, dass wir nicht nur den Sonnenuntergang verpassen werden, sondern auch fünf Kilometer Passstrasse vor uns haben – zu Fuss, im Dunkeln, auf 1’500 Metern Höhe und mit fast 20 Kilogramm Gepäck pro Person. Euphorie weicht Frust, aber Umdrehen kommt nicht infrage.
Wir ziehen los, erst noch scherzend, bald schweigend, Schritt für Schritt in die Stille des Abends hinein. Gerade als wir uns mit unserem Schicksal abgefunden haben, ertönt ein Motor. Ein Auto nähert sich, biegt tatsächlich auf die zerklüftete Passstrase ab und fährt an uns vorbei. Ungläubig sehen wir ihm nach. Wo will der hin? Das ist eine Sackgasse, es gibt hier nichts ausser der verlassenen Station. Tobi lässt sein Gepäck fallen, ruft ihm hinterher und rennt wild gestikulierend los.
Kurz darauf sitzen wir zusammengequetscht auf dem Rücksitz. Der Fahrer erzählt, dass er viel zu spät sei für das Treffen und fragt, warum wir zu Fuss dahin unterwegs seien. Wir fragen zurück: Was für ein Treffen? So erfahren wir, dass an diesem Dienstagabend dort oben, irgendwo im Nirgendwo, ein Fotografentreffen stattfindet. Was für ein glücklicher Zufall!
Als wir ankommen, brennt der Himmel. Die letzten Sonnenstrahlen tauchen die Berge in Gold, während sich das Licht in den riesigen Satellitenschüsseln spiegelt. Frust verwandelt sich in pure Freude. Wir grillen, bauen unsere Zelte auf – und sind plötzlich für uns allein, als die Fotografen wieder abziehen. Mit vollem Bauch und tiefer Zufriedenheit schlafen wir ein. Doch die Nacht wird kurz.
Nach wenigen Stunden weckt uns fernes Grollen. In kürzester Zeit zieht ein Gewitter auf, Blitze schlagen in benachbarte Gipfel ein, der Wind reisst an unserem Zelt und an Schlaf ist nicht mehr zu denken.
Als wir am nächsten Morgen den Reissverschluss des Zelts öffnen, sind wir in einer anderen Welt. Dicker Nebel umhüllt die Basis, Pferde grasen zwischen den Satellitenschüsseln, ihre Glocken hallen über dem Gipfel. Wir erkunden den Ort noch einige Stunden, fasziniert, übermüdet, erfüllt und auch gut gelaunt – bis wir realisieren, dass wir den Weg zurück zum Auto diesmal ganz zu Fuss gehen müssen.
Marco Gasparic und Till Aufschlager (beide 31) stammen aus Leipzig und sind für ihr Filmprojekt «Broken Window Theory» gemeinsam unterwegs in die entlegensten Ecken Europas und darüber hinaus – immer auf der Suche nach spektakulären Lost Places. Ihre Reiseberichte erreichen eine Zuschauerschaft von über 350’000 Followern: youtube.com/@bwturbex. Mit ihrer Live-Show LOST PLACES sind die beiden ab dem 5. November 2026 in der Schweiz auf Tour.
Infos und Tickets: explora.ch