Im Brot-Express Durch Palermo
Italien, 2005. Der Flughafen Catania ist überflutet. Wie weiter? Eine Reise gegen die Zeit.
Unser Reiseziel heisst Lampedusa. Im Vorjahr waren wir auf den Liparischen Inseln, nun wollen wir die Inseln südlich von Sizilien erkunden. Wir finden ein kleines, charmantes Hotel, in dem La Mamma jeden Abend den Tagesfang serviert. Die Vorfreude ist gross – da wissen wir aber noch nicht, wie chaotisch die Anreise werden sollte.
Geplant ist ein entspannter Zwischenstopp in der sizilianischen Stadt Catania: ein bisschen durch die Stadt schlendern, gut essen und am nächsten Morgen gemütlich weiterfliegen. Soweit die Theorie. Kurz nach unserer Ankunft öffnet der Himmel seine Schleusen. Catania verwandelt sich innert weniger Stunden in ein Wasserbecken. Am nächsten Morgen heisst es: Die Startbahn des Flughafens steht unter Wasser. Niemand weiss so recht, ob überhaupt noch etwas fliegt. Die Airline empfiehlt uns nur vage, «einfach mal zum Flughafen zu kommen».
Doch bereits die Zufahrtsstrasse sieht eher nach Fluss als nach Autobahn aus. Am Flughafen dann die Hiobsbotschaft: Sämtliche Flüge nach Lampedusa fallen wahrscheinlich für Tage aus. Aber: Wir könnten unser Glück in Palermo versuchen. Von dort gebe es gegen 14 Uhr einen Flug Richtung Lampedusa. Wir sollen einfach hinfahren – mit etwas Glück würden wir noch rechtzeitig ankommen.
Also sitzen wir wenig später in einem Bus nach Palermo und lassen uns überraschen. Nach zweieinhalb Stunden erreichen wir die Stadt, jetzt fehlt nur noch der Weg zum Flughafen. Wir winken ein Taxi heran, der Fahrer nickt lässig: «Kein Problem.» Klingt beruhigend. Für ungefähr drei Minuten.
Dann zeigt er plötzlich auf eine Einkaufstasche auf dem Beifahrersitz. Er müsse vorher noch schnell zuhause bei seiner Frau vorbei – sie bereite das Mittagessen zu und warte auf sein Brot. Wenn er das jetzt nicht liefere, gebe es Ärger. Also dann, machen wir einen spontanen Familien-Zwischenstopp irgendwo in Palermo. Wir haben ja keinen Zeitdruck...
Der Chauffeur spurtet mit der Brot-Tüte ins Haus, während wir im Taxi bleiben und witzeln, ob er wohl vor oder nach dem Essen zurückkommt. Doch er kehrt subito zurück und erklärt hektisch, seine Frau warte jetzt auf ihn zum Mittagessen: «Wir müssen Gas geben.»
Was folgt, ist die rasanteste Taxifahrt unseres Lebens. Unterwegs zum Flughafen überholen wir eine Ambulanz mit Blaulicht und haben weiche Knie. Doch: Mission erfüllt! Rechtzeitig erreichen wir den Flughafen und ergattern zwei Plätze auf dem Nachmittagsflug nach Lampedusa. Wir sind unserem Taxifahrer sehr dankbar – und bis heute überzeugt: Ohne seine Angst vor der wartenden Ehefrau hätten wir diesen Flug niemals geschafft.
Corinne Bärlocher (49) wohnt in Bassersdorf und arbeitet als Reiseberaterin und Stv. Filialleiterin bei Globetrotter Business Travel in Zürich. Italien ist durch viele Reisen eine Art zweite Heimat geworden – auch wenn oder gerade weil das Leben dort unvorhersehbarer ist.