Leuchtende Augen Am verbotenen Fluss
Kolumbien, 2016. Eine Geschichte über einen plötzlich geschlossenen Park, kryptische Nachrichten und ein Happy End inklusive Privatflug.
Schon bei der Reiseplanung für Kolumbien lassen mich die Bilder von Caño Cristales nicht mehr los. Dieser Fluss, der dank der einzigartigen Wasserpflanze Macarenia clavigera in Rot-, Pink-, Gelb- und Grüntönen leuchtet, wirkt unwirklich. Genau dieses Naturspektakel will ich mit eigenen Augen sehen. Die beste Reisezeit reicht von Mitte Juni bis November. Unsere Reise startet am 14. November – also ist klar: Caño Cristales steht ganz am Anfang.
Nach einer Nacht in Bogotá fliegen wir morgens in die Bergregion Serranía La Macarena. Der Flieger ist fast leer, ein seltsames Gefühl. In der kleinen Ankunftshalle höre ich plötzlich jemanden sagen: «Caño Cristales es cerrado.» Geschlossen? Das kann nicht sein. Wir haben den dreitägigen Ausflug über eine lokale Agentur gebucht – man hätte uns informiert. Noch voller Hoffnung warten wir im Hotel auf unseren Guide Fredy. Doch Fredy bringt sehr schlechte Nachrichten: Der Park sei tatsächlich geschlossen, unser Rückflug annulliert. Punkt.
Die Enttäuschung sitzt tief. Das angebotene Alternativprogramm ausserhalb des Parks – Steinformationen und ein Wasserloch – kann unseren Traum nicht im Ansatz ersetzen. Mehrmals sagen wir Fredy, wie sehr wir bedauern, Caño Cristales nicht besuchen zu können, und melden das auch der Agentur. Spätabends schickt diese eine kryptische Nachricht: «Morgen um 05.00 Uhr bereit sein.» Keine weiteren Infos.
Noch im Dunkeln werden wir um Punkt fünf von Guide Manuel abgeholt. Ohne grosse Worte führt er uns durch ein Schlupfloch in den eigentlich geschlossenen Park. Nach kurzer Wanderung entlang eines Flussarms liegt er plötzlich vor uns: der bunteste Fluss, den ich je gesehen habe. Pflanzenteppiche leuchten in intensiven Rot-Tönen, dazwischen gelb, grün und schwarz. Wir sind sprachlos – und allein. Keine anderen Besucher. Nur wir und dieses magische Naturschauspiel.
Doch das Abenteuer ist noch nicht vorbei. Unser Rückflug ist weiterhin ersatzlos gestrichen. Wieder Telefonate, wieder Ratlosigkeit. Dann die nächste Anweisung: Koffer packen, ab 08.00 Uhr am nächsten Morgen bereit zu sein. Um 08.15 Uhr werden wir tatsächlich abgeholt und zum Flughafen gebracht. Unsere Koffer werden eingecheckt, aber wir erhalten keine Boardingkarten. Wir sollen warten.
Ich schaue aus dem Fenster – und traue meinen Augen kaum: Unsere Koffer werden auf einer Holzkarre, gezogen von einem Esel, über das Rollfeld transportiert. Am Ende der Piste steht keine Linienmaschine, sondern eine kleine Cessna. In diesem nur für uns organisierten Privatflugzeug fliegen wir zwei von La Macarena nach Villavicencio. Von dort geht es per Taxi in halsbrecherischer Fahrt nach Bogotá. So erreichen wir tatsächlich noch unseren Anschlussflug nach Medellín. Was mit Frust beginnt, wird zu einem unvergesslichen Erlebnis: Reisen steckt voller Überraschungen. Genau dafür liebe ich es.
Monique Dauwalder (56) arbeitet seit 22 Jahren als Reiseberaterin beim Globetrotter Travel Service Thun – und hat damit ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht.