Corona Statt China
Tansania | Oman | Kolumbien, 2019-2020. Zwei Jahre mit der Kleinfamilie unterwegs auf der ganzen Welt: Ein Sabbatical startet holprig, entwickelt sich traumhaft – und endet abrupt.
Das Leben folgt nicht immer dem Plan. 2019 brechen wir mit unserem vorschulpflichtigen Sohn zu einem zweijährigen Sabbatical auf. Die Idee ist ebenso einfach wie ambitioniert: jeweils drei Monate an einem Ort leben und in andere Welten eintauchen. Unsere Route soll uns nach Tansania, Oman, Kolumbien, Alaska, Vietnam und China führen. China ist gesetzt – es ist unsere zweite Heimat. Meine Frau ist Chinesin, ich habe sieben Jahre in Shanghai gelebt. Unser Sohn soll dort ein Jahr den Kindergarten besuchen, während ich mich beruflich neu orientiere.
Der Start in Mwanza, Tansania, holt uns rasch auf den Boden der Realität zurück. Die gemietete Wohnung wird wegen Ungeziefer kurzfristig storniert, also suchen wir aus einem Hostel eine Alternative. Einkaufen bedeutet plötzlich, verschiedene Frischmärkte abzuklappern – Supermärkte wie zu Hause sind Wunschdenken. Unser Sohn ist verängstigt und weigert sich lange, mit anderen Kindern zu spielen. Auch das Volunteering meiner Frau in einem Waisenhaus bleibt ernüchternd. Mein Alltag besteht vor allem aus Organisation: Ausflüge, Safari, Sansibar und bereits der nächste Reiseabschnitt.
Oman fühlt sich im Vergleich wie ein Schlaraffenland an und wird zum absoluten Highlight. Mit einem gemieteten Geländewagen reisen wir wochenlang durch Küstenlandschaften, Berge, Wüsten und Oasen. Wir wandern viel und erleben grosse Herzlichkeit. Natürlich läuft nicht alles glatt. In einem Bachbett zögere ich einen Moment zu lange, und wir bleiben mit dem Auto stecken. Nach vier Stunden Graben und Schleppen zieht uns die Polizei heraus. Das Abschleppseil reisst, die Heckscheibe zerbirst. Viel Papierkram und Drama, aber auch eine Lektion in Gelassenheit.
Kolumbien beginnt karibisch leicht: Santa Marta, Tayrona, Ciudad Perdida, Cartagena und der Karneval in Barranquilla. Und dann kommt Covid. Fünf Wochen militärisch überwachte Vollquarantäne, emotionale und administrative Hilflosigkeit. Weiterreisen nach Amerika oder Asien ist unmöglich. Wir kehren nach Europa zurück und fühlen uns zeitweise wie Flüchtlinge. Noch drei Monate reisen wir durch Europa und hoffen auf eine Öffnung der Welt. Diese Hoffnung stirbt im Herbst 2020: Wir melden uns wieder in der Schweiz an und schulen unseren Sohn regulär ein.
Unsere ursprünglichen Reiseziele erreichen wir nur teilweise. Als Familie aber wachsen wir an intensiven, schönen und schwierigen Momenten. Unser Sohn erinnert sich heute weniger an grosse Highlights als an banale Details wie die dreckigen Strassen in Mwanza, ist aber viel offener und kulturell neugieriger geworden. Und ich finde meine berufliche Richtung ein paar Jahre später.
Marc Roth (48) wohnt in Lenzburg und arbeitet heute als Einkaufsleiter. Auf Reisen unterwegs zu sein, gibt ihm immer wieder den Impuls, sich neu zu erfinden. Und am Ende kommt sowieso alles anders, als man denkt.