Improvisierte Strassensperren und Romantische Ziegen

Begegnungen & Menschen
Laura Schaffer
03. Juni 2026

Kolumbien, 2023. Eine Frau reist alleine durch Südamerika und hofft auf Abenteuer. Sie wird nicht enttäuscht.

«Hast du keine Angst?» Das ist die Frage, die mir vor meiner Reise nach Südamerika am häufigsten gestellt wird. Nein, ich habe keine Angst, sondern grosse Neugier und Abenteuerlust. Die perfekte Mischung für acht Monate unterwegs in Süd- und Mittelamerika. Mein Abenteuer beginnt in Kolumbien.

Schon in den ersten Wochen warten unvergessliche Erlebnisse auf mich: das mehrtägige Trekking zur sagenumwobenen Ciudad Perdida und die Reise nach Punta Gallinas, dem nördlichsten Punkt Südamerikas. Die Region wirkt rau und faszinierend zugleich. Obwohl hier Kohle und Salz abgebaut werden, leben viele Menschen wegen Korruption und fehlender Infrastruktur in Armut. Immer wieder treffen wir auf improvisierte Strassensperren, meist errichtet von Kindern. Unsere Guides kennen das längst: Vor jeder Tour kaufen sie Wasserbeutel, Kekse und kleine Kaffeesäckchen, damit an jeder Sperre eine kleine «Gebühr» bereitliegt.

Landschaftlich ist die Gegend überwältigend. Stundenlang holpern wir im engen Geländewagen durch die Wüste. Im einen Moment verliert man zwischen endlosen Kakteen jedes Gefühl der Orientierung, im nächsten steht man plötzlich allein zwischen goldenen Dünen am türkisblauen Karibischen Meer. Doch die Wüste zeigt sich nicht immer freundlich: Wenige Minuten Regen reichen, und die staubigen Pisten verwandeln sich in tiefe Schlammbahnen. Regelmässig bleiben Fahrzeuge stecken – und genauso regelmässig helfen sich die Guides gegenseitig wieder heraus. Meine Sehnsucht nach Abenteuer, Kultur, abwechslungsreichen Landschaften und unvergesslichen Erlebnissen wird schon zu Beginn meiner Reise mehr als erfüllt.

Besonders faszinieren mich die Wayuu, das indigene Volk der Region. Die Wayuu leben in matriarchal organisierten Clans, in denen Frauen eine zentrale Rolle spielen. Das zeigt sich auch bei Hochzeiten: Wer in eine Familie einheiraten möchte, muss der Grossmutter, dem Oberhaupt des Clans, Ziegen als Brautgabe anbieten. Unsere Guides erzählen von einer Schweizerin, die vor einigen Jahren einen Wayuu geheiratet hat. Als die Guides realisieren, dass auch ich eine unverheiratete Schweizerin bin, kommt die Frage: «Wie viele Ziegen würdest du denn für dich akzeptieren?» Ich lehne lachend ab. Und kehre nach acht Monaten unverheiratet, angstfrei und sehr erfüllt zurück nach Europa. 

Laura Schaffer (33) ist Lehrerin aus Bern. Fernweh ist ihr ständiger Begleiter, Reisen bedeutet für sie Freiheit pur – ob alleine oder mit anderen Menschen.

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