Zwischen Angst und Mut liegt nur eine Welle
Am Venice Beach besiegt eine junge Frau die Wellen – und entdeckt Mut, Freiheit und Lebensfreude.
Ich bin Anfang 20, unterwegs auf meinem ersten Roadtrip durch die USA. Ohne Plan, nur Lust aufs Leben. Die Westküste, das Meer, der kalifornische Sommer – ich sauge alles in mich auf. Venice Beach ist einer dieser Stopps, die sich nach Film anfühlen. Und vielleicht ist es genau dieses Gefühl, das mich dazu bringt, mir ein Surfbrett zu schnappen.
Ich habe noch nie gesurft und keine Ahnung, was ich da eigentlich tue. Ich schaue mir ein paar YouTube-Videos an, mache im Sand ein paar Trockenübungen und ziehe los. Komplett naiv, komplett unvorbereitet. Aber voller Lust auf dieses neue Gefühl von Freiheit.
Dann springe ich ins Wasser – und werde sofort durchgeschüttelt. Eine Welle nach der anderen erwischt mich. Ich verliere die Orientierung, das Brett trifft mich am Kopf und ich spüre, wie mächtig das Meer ist. Diese unkontrollierbare Kraft macht mir Angst, ich gerate in Panik und mühe mich aus dem Wasser, zurück an den Strand. Zittrig setze ich mich in den Sand, ich fühle mich verwirrt und verloren, dann meldet sich ein Gedanke in meinem Kopf: Wenn du jetzt nicht zurück ins Wasser gehst, trägst du diese Angst vielleicht für immer mit dir.
Und ich weiss: Wenn ich jetzt aufgebe, verliere ich nicht nur gegen die Wellen, sondern auch gegen mich selbst. Doch in mir zieht sich etwas zusammen – als hätte das Meer eine Grenze gezogen, die ich nicht mehr überschreiten kann.
Während ich dasitze, kommt ein Mann auf mich zu. Ein Fremder, der mit seinem Kind spielt und mich wohl beobachtet hat. Er sagt ruhig: «Du warst zu nah am Boden. Du musst weiter rauspaddeln. Da, wo die Wellen dich nicht mehr so treffen.» Dann gibt er mir ein paar Tipps – und lässt mich wieder allein. Keine grosse Geste. Aber genau der Moment, den ich brauche.
Ich atme durch. Mein Herz rast, aber da ist jetzt auch ein zaghafter Funke Mut, und der zündet: Ich stehe auf, packe mein Board und kehre zurück ins Meer. Schritt für Schritt, Welle für Welle. Die Angst ist noch da, aber ich bin bereit, ihr etwas entgegenzusetzen.
Diesmal paddle ich weiter hinaus. Über die brechenden Wellen hinweg. Und tatsächlich: Plötzlich ist da nicht nur diese Gewalt, sondern auch Ruhe. Eine ungeahnte, tiefe Stille im Ozean. Ich versuche, die Wellen zu erwischen, aber die Wellen erwischen vor allem mich. Ich übe weiter, und irgendwann knie ich zum ersten Mal auf einer Welle. Nicht perfekt, aber gut genug für einen persönlichen Triumph: Ich fühle mich wie die Königin der Meere. Stark, mutig, lebendig!
Am Abend sitze ich wieder im Sand. Salzverkrustet, müde und vor allem: durch und durch glücklich. Ich bin gefallen, ich bin geblieben. Und ich bin über mich hinausgewachsen.
Franziska Zurbriggen (30) ist Projektleiterin Marketing Kommunikation beim Globetrotter Travel Service. Sie ist verheiratet und Mutter einer Tochter (1). Mit ihrer Familie lebt sie in Frutigen im Berner Oberland. Seit diesem Tag im Ozean weiss sie: Mut beginnt genau dort, wo die Angst am grössten ist.