Reise Ohne Reisepass
Syrien, 2005. Geplant sind vier Tage Damaskus. Es werden vier Wochen. Zum Glück.
Mein Reisepass ist weg. Halb Damaskus hilft mir beim Suchen, aber er bleibt spurlos verschwunden. Bei der deutschen Botschaft heisst es, ich müsse erst dieses und jenes Dokument liefern, sonst könnten sie keinen neuen ausstellen. Bei der Einwanderungsbehörde heisst es, ich müsste erst diesen und jenen Stempel besorgen, sonst ginge gar nichts. Und bei der Behörde für «Innere Sicherheit» meint ein grimmig aussehender Typ, ich brauche einen vereidigten Übersetzer und zwei Zeugen.
Kurz: Ich verbringe mehrere Stunden am Tag bei syrischen Behörden. Bei manchen bin ich so oft, dass man mir sofort Tee mit viel Zucker serviert, Komplimente für mein dürftiges Arabisch macht und beteuert, dass ich mich in Syrien ganz wie daheim fühlen solle.
Aber eine Ausreise, das gehe nicht. Die Dokumente ausstellen, das brauche noch etwas Zeit. Und der, der unterschreiben könne, sei auch nicht da. Bukra inshAllah, erst morgen wieder.
Nach drei Wochen kommt der entscheidende Tag. Ich stehe im Büro eines Generals in Camouflage-Uniform, neben mir ein Typ vom Geheimdienst, ein Übersetzer, die zwei Zeugen und ich.
Also, wie haben Sie ihren Reisepass verloren?, fragt der General.
Ma barif, sag ich. Ich weiss nicht. Er ist einfach weg.
Die Gesichter um mich herum schauen höchst unzufrieden. Ich wiederhole meinen Satz, schliesslich stimmt er. Der Übersetzer wispert: Das geht so nicht! Du musst Dir was ausdenken! Wir brauchen eine Geschichte, der Protokollant muss was schreiben können und die Zeugen müssen was bezeugen!
Ich schaue irritiert, der General hat Mitleid. Er sagt: Tamam. Sie sagen also, der Reisepass sei ihnen am Dienstag um 15:30 Uhr auf dem Merjeh Platz aus der Handtasche gefallen, als Sie gerade ein Taxi…?
Ich schaue noch irritierter, alle andern aber wohlwollend und erwartungsvoll.
Ich nicke. Erst zögerlich, dann mit Überzeugung.
Der General und ich denken uns eine Geschichte aus, mit so vielen Details, dass ich sie zum Schluss selbst für plausibel halte. Der Geheimdiensttyp ist glücklich, der Protokollant schreibt eifrig mit und die Zeugen bezeugen, dass sich alles genauso zugetragen haben muss.
Ich bekomme eine vereidigte Übersetzung, einen Haufen Stempel, ein Siegel – und schliesslich einen neuen Pass. Danach bleibe ich freiwillig, finde Freunde fürs Leben und in Damaskus meine arabische Lieblingsstadt. Vor allem aber weiss ich seitdem, wie eine Diktatur funktioniert und warum das mit der Revolution nicht so einfach ist.
Ein Jahr später bin ich wieder in Damaskus. Ein Händler kommt aus seinem Laden in der Altstadt, schaut erstaunt und entsetzt zugleich. Dann ruft er mir entgegen: Stiiifaaani! Hast Du Deinen Pass gefunden? Oder bist Du immer noch da!?
Stephanie Doetzer (45) arbeitete nach Aufenthalten in Syrien und im Libanon als Journalistin für Al Jazeera in Doha und hat dort internationale Medienkriege von innen erlebt – und gescheiterte Revolutionen als Beobachterin von aussen. Von CNN wurde sie 2015 als «Journalist of the Year» ausgezeichnet. Wer den Nahen Osten jenseits von Schlagzeilen verstehen möchte: Mit ihrer Live-Show REVOLUTION wird sie ab dem 23. Januar 2027 in der Schweiz auf Tour sein.
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