Irgendeine Sitzbank in Deutschland
Deutschland, 2023. Manchmal reicht es, kurz auszusteigen, um zu merken, wo man eigentlich steht.
Ich hatte gehofft, dass diese Reise mich ablenkt. Dass der Tapetenwechsel reicht, um die Gedanken leiser zu machen. Stattdessen werden sie lauter, kaum dass der Zug losfährt.
Die Wochen davor sind anstrengend gewesen. Zu viele Entscheidungen, zu wenig Schlaf, das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen. Also buche ich diese Reise eher aus einem Impuls heraus als aus echter Vorfreude. Hauptsache weg. Hauptsache Bewegung. Ich denke, das wird reichen.
Am Anfang fühlt sich alles leicht an. Neue Eindrücke, fremde Strassen, das angenehme Gefühl, niemandem etwas erklären zu müssen. Ich gehe viel zu Fuss, lasse mich treiben und geniesse die Freiheit, keinen festen Plan zu haben. Für einen Moment glaube ich, genau das gefunden zu haben, was mir gefehlt hat.
Doch dann kommt der Abend, an dem ich allein in meinem Zimmer sitze. Draussen wird es langsam dunkel, die Geräusche der Stadt dringen gedämpft durch das offene Fenster. Plötzlich ist da diese Stille. Und mit ihr all das, wovor ich eigentlich habe davonlaufen wollen. Zweifel, Müdigkeit, Fragen ohne schnelle Antworten. Mir wird klar, dass man sich selbst auch auf Reisen immer dabei hat; meine Probleme sind nicht wie ein zu schwerer Rucksack, den ich einfach abhängen kann.
Am nächsten Tag will ich abreisen. Alles in mir sagt, dass es ein Fehler gewesen ist, wegzufahren. Stattdessen setze ich mich auf eine Bank, irgendwo zwischen Ankommen und Weglaufen. Ich beobachte Menschen, höre Sprachen, die ich nicht verstehe, und merke, wie mein Atem ruhiger wird. Zum ersten Mal seit Langem muss ich nichts entscheiden, nichts leisten, nichts erklären.
Diese Reise löst meine Probleme nicht. Sie bringt nichts Magisches mit. Aber sie zeigt mir, dass es okay ist, stehen zu bleiben. Dass nicht jede Bewegung nach vorne gehen muss. Manchmal reicht es, kurz auszusteigen, um zu merken, wo man eigentlich steht.
Als ich zurückfahre, ist nicht alles leichter. Aber etwas ist in Bewegung gekommen. Und manchmal ist genau das der Anfang.
Kamil Heldner (40) arbeitet als Zug-Reisebegleiter bei der BLS und wohnt in Visp-Eyholz VS. Wenn er unterwegs ist, merkt er, dass echte Bewegung oft im Innern beginnt.