Das schönste Souvenir
Australien, 2013. Ein Roadtrip mit der eigenen Mutter bekommt plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Schon als kleines Mädchen habe ich nur ein Ziel: Australien. Warum genau, weiss ich nicht mehr, aber der Traum begleitet mich jahrelang. 2013 wird er endlich Wirklichkeit. Nach meiner Lehre als Diätköchin möchte ich mein Englisch verbessern, und für mich ist klar: Wenn Sprachaufenthalt, dann in Australien. Und wenn Australien, dann mit Roadtrip nach dem Sprachaufenthalt. Weil ich für einen Mietwagen noch zu jung bin, frage ich meine Mutter, ob sie mich bei dem Roadtrip begleitet. Sie sagt sofort zu. Damals ahne ich nicht, welche Bedeutung diese Reise erhalten wird.
Meine Schule liegt in Noosa an der Ostküste, ich lebe mich trotz anfänglicher Sorgen wegen der Sprache schnell ein. Nach sechs Wochen trifft meine Mutter in Brisbane ein, und unser gemeinsames Abenteuer beginnt. Auf Fraser Island geniessen wir einen spontanen Rundflug mit zwei gutaussehenden Piloten – ein Erlebnis, über das wir noch lange schmunzeln. Wir ziehen weiter zu den Whitsundays, wo es mir tatsächlich gelingt, meine wasserscheue Mutter zum Schnorcheln zu überreden.
Als Schildkröten unter uns vorbeiziehen, ist ihre Angst wie weggeblasen. Sie so zu sehen, berührt mich fast mehr als die Schönheit der Unterwasserwelt.
Am Tarzali Lake suchen wir vergeblich nach Schnabeltieren und erhalten dafür ein lebenslanges Ticket für den Park. Im Cape Tribulation, wo Regenwald und Ozean aufeinandertreffen, findet meine Mutter ihren absoluten Lieblingsort. Von Alice Springs aus wandern wir durch den Kings Canyon, bestaunen den Sonnenuntergang am Uluru und schlafen im «Swag», einer australischen Schlafrolle, unter der Milchstrasse. Doch mein emotionalster Moment folgt in Sydney. Als beim Anflug das Opera House im Flugzeugfenster erscheint, bekomme ich Gänsehaut. In diesem Augenblick verstehe ich wirklich, warum ich diesen weiten Weg gegangen bin. Mein Kindheitstraum ist erfüllt. Kurz darauf reisen wir erfüllt nach Hause.
Dass mir die Reise heute alles bedeutet, hat aber einen anderen Grund. Meine Mutter ist inzwischen verstorben. Wenn ich heute an Australien denke, erinnere ich mich nicht zuerst an das Opera House, den Uluru oder die Whitsundays, sondern an die Zeit mit meiner Mutter. Reisen ist für mich die schönste Art, bleibende Erinnerungen zu schaffen. Deshalb plane ich für 2028 einen weiteren Trip nach Australien – diesmal mit meinem Vater und meinem Mann.
Jennifer Krebs (32) wohnt in Niedergösgen SO und arbeitet als Diätköchin in einem Alterszentrum. Sie hat schon über 60 Länder bereist – ihre Lieblingsdestinationen besucht sie gerne auch mehrmals.