Ahnungslos ins Australische Abenteuer

Reisepannen & Krisen
Kathrine Rolli
21. Mai 2026

Australien, 2002. Ist es eine gute Idee, im Hochsommer mit einem altersschwachen Van durch das Outback von Australien zu reisen? Kommt drauf an, wieviel Zeit man hat.

Nach der Sprachschule in Perth liegen drei Monate Freiheit vor mir. Gemeinsam mit einer Schulkollegin fasse ich den Plan, einen Van zu kaufen, um Australien von West nach Ost zu durchqueren. Jung, unbekümmert – und ohne Ahnung von Autos. 

Wir finden einen Ford Spectron mit über 400'000 Kilometern auf dem Buckel. Ein alter Van, aber die gelbe Farbe und das schöne Lenkrad Cover überzeugen uns. 

Bei einem der ersten Stopps besprayen wir ihn mit farbigen Blumenmustern. Es ist dann irgendwo in den endlosen Weiten der Nullarbor-Ebene, als unsere Euphorie erstmals ausgebremst wird. Der alte Ford bringt es plötzlich nur noch auf 60 km/h. Bei einem Roadhouse kippt ein Tankwart eine Flüssigkeit in den Tank – danach fährt der Van wieder etwas schneller. 

Als wir die Region vom Red Centre erreichen, ist es um die 50 Grad heiss. Abseits einer verlassenen Tankstelle halten wir zum Übernachten an, vollkommen alleine, wie es scheint. Meine Kollegin schläft sofort ein, halbnackt bei der Hitze. Ich liege wach und lausche in der Dunkelheit der Stille.

Plötzlich höre ich Schritte, direkt neben dem Auto. Momente später sehe ich aus dem Augenwinkel, wie sich eine Männerhand unter dem Vorhang durchschiebt – direkt über meine schlafende Kollegin. Ich schreie, wie ich noch nie in meinem Leben geschrien habe, reisse die Türe auf. Ein indigener Australier liegt rücklings am Boden – er ist genauso erschrocken wie ich. Er wollte nur Streichhölzer, sagt er, «just matches». 

Einige Tage später sind wir in Richtung Uluru unterwegs, dem Sandsteinmonolithen mitten im Outback. Die Strasse flimmert in der Mordshitze, am Horizont der ferne Mount Connor, die Eagles plärren aus den Lautsprechern – da riecht es plötzlich nach Rauch und zischt. Wir halten sofort, schnappen unsere wichtigsten Sachen und bringen uns in Sicherheit. Als der Van nach fünf Minuten immer noch nicht explodiert ist, wagen wir uns auf eine Inspektion und merken: Da geht nichts mehr.

Nach einer Stunde nähert sich ein Auto. Zwei Männer stellen fest, dass der Wasserschlauch geplatzt ist. Ihr Reparaturversuch mit einem Schnorchel scheitert, aber sie versprechen, in der nahegelegenen Siedlung Yulara Hilfe zu organisieren. Wir warten im Schatten des Kofferraum-Deckels. Und warten. Doch niemand kommt. Nach sechs Stunden hält ein anderer Van mit vier jungen Leuten. Sie flicken den Schlauch notdürftig, sodass wir es immerhin bis zum Roadhouse Curtin Springs schaffen. Nach einem geselligen Abend «repariert» am nächsten Morgen der Gärtner des Roadhouses unseren Van – mit einem Gartenschlauch. Damit tuckern wir auf dem letzten Zacken bis zur Garage in Yulara.

Dort sitzen wir zwei Wochen fest: Ein neuer Motor muss her, bestellt aus Adelaide, 1500 Kilometer entfernt. Es werden zwei glühend heisse Wochen mit unzähligen Uluru-Besichtigungen, aus jeder Perspektive und zu jeder Tageszeit. Schliesslich geht der Roadtrip in unserem geblümten Van weiter, dankbar und singend, mit wummernder Musik aus dem CD-Player. Wir schaffen es bis Sydney – und der Van hat nochmals 14'068 Kilometer mehr auf dem Buckel.

Kathrine Rolli (48) arbeitet bei Globetrotter in Bern als Projektleiterin Produktemarketing. Ihr grösster Luxus auf Reisen ist es, genügend Zeit zu haben – wie damals in Australien.

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