Sieben Tage Wildnis und Eine grosse Frage

Abenteuer & Outdoor
Brigitte Ardüser
26. Juni 2026

Tasmanien, 2017. Am Walfisch-Denkmal in Cockle Creek geht eine denkwürdige Wanderung zu Ende. Doch jetzt beginnt die Reise erst.

Wir stehen mit 18 und 20 Kilogramm schweren Rucksäcken am Terminal für Buschflugzeuge in Hobart. Unser Ziel: Melaleuca, ein winziger Aussenposten im Südwesten Tasmaniens und Startpunkt des South Coast Track. Vor uns liegen sieben Tage auf einem der abgelegensten Fernwanderwege Australiens: 85 Kilometer durch eine Wildnis ohne Strassen, Häuser oder Handyempfang bis nach Cockle Creek.

Schon bald wird klar, warum dieser Weg als Herausforderung gilt. Die Route führt durch Regenwälder, über endlose Holzstege, durch tiefen Schlamm und über zahlreiche Flüsse, die nach Regenfällen zu reissenden Hindernissen werden. Dann heisst es: Schuhe aus, Hosen hoch und mit dem Rucksack über dem Kopf vorsichtig ans andere Ufer.

Besonders beeindruckt mich die Vielfalt der Landschaft. Nach der anstrengenden Überquerung der Ironbound Range erreichen wir am fünften Tag den Prion Beach. Der kilometerlange Sandstrand wirkt wie eine Belohnung. Gerade als wir die Schuhe ausziehen wollen, entdecken wir einen gewaltigen Seeelefanten. Regungslos liegt er im Sand und stösst seltsame Laute aus. Mit klopfendem Herzen schleichen wir an ihm vorbei.

Am letzten Wandertag erreichen wir den südlichsten Punkt Australiens, der auf einem Wanderweg zugänglich ist. Vor uns brechen die Wellen des Südpolarmeers gegen die Küste, am Horizont scheint die Welt einfach aufzuhören. Nach sieben Tagen in der Wildnis denke ich an die schlammigen Pfade, die Flussdurchquerungen, die einsamen Strände und die vielen gemeinsamen Herausforderungen.

Da nimmt mich Christian in die Arme. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen, ich spüre grosse Dankbarkeit für diese Reise. Dann erzählt er mir, wie viel ihm unsere gemeinsamen Abenteuer bedeuten. Während er spricht, legt er mir einen wunderschönen, vom Meer rund geschliffenen Stein in die Hand.

«Willst du mit mir weitergehen?», fragt er.

Die Frage passt perfekt zu diesem Moment. Schliesslich liegen noch ein paar Kilometer bis zum Ende des Tracks vor uns. Gleichzeitig klingt sie nach viel mehr.

«Ja, natürlich, gerne für immer!», antworte ich.

Mit einem breiten Grinsen schultern wir unsere Rucksäcke und machen uns auf die letzten Kilometer. Und während wir über die Holzstege Richtung Ziel wandern, frage ich mich immer wieder, wie Christian seine Worte gemeint hat. War das gerade ein Heiratsantrag?

Erst beim Walfisch-Denkmal in Cockle Creek, dem Endpunkt des Tracks, fasse ich mir ein Herz. «Christian, war das vorhin eigentlich ein Heiratsantrag?»

Sein Lächeln ist Antwort genug. Unsere Wanderung ist zu Ende. Unser gemeinsamer Weg beginnt gerade erst.

Brigitte Ardüser (43) wohnt in Jona SG. Ihren heutigen Mann Christian hat sie über eine Anzeige im Globetrotter-Magazin kennengelernt. Mittlerweile hat das Paar zwei Kinder.

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