Schritt für Schritt
Bolivien, 2024. Wenn der Gipfel so nah ist und doch so fern: In den Anden stossen auch erfahrene Berggänger aus der Schweiz an ihre Grenzen.
Während meiner zweimonatigen Reise durch Südamerika höre ich immer wieder vom Huayna Potosí. Ein 6000er in Bolivien, ganz anders als alles, was ich bis dahin gemacht habe. Ich wandere in der Schweiz viel, aber 6000 Meter kenne ich nicht. Mich reizt die Frage, wie weit ich gehen kann, wenn die Luft dünn wird.
Am Abend vor der Besteigung gehen wir schon um sechs Uhr schlafen. Oder besser gesagt: Die anderen schlafen, ich liege wach. Im Massenschlag ist es still, aber in meinem Körper herrscht Unruhe. Mein Magen fühlt sich schwer an, mein Kopf ist unruhig, an Schlaf ist kaum zu denken.
Um Mitternacht werden wir geweckt. Frühstück, mehrere Kleiderschichten, Steigeisen, Pickel, Helm, Stirnlampe, dann laufen wir los, 1 Uhr morgens, angeseilt in Dreierseilschaften. Vor mir eine Amerikanerin, zwischen uns der Guide, ich hinten. Schritt für Schritt gehen wir in die Dunkelheit.
Am Anfang ist es noch gut machbar. Das Knirschen der Steigeisen auf dem Eis, das monotone Gehen, die Lichter der Stirnlampen. Doch mit jedem Höhenmeter beginnt mein Kopf stärker zu pochen. Ich versuche ruhig zu atmen, nehme Kokablätter und esse Snacks. Aber der Druck wird stärker. Das Herz schlägt schneller, jeder Schritt fühlt sich anstrengender an.
Um uns herum sehen wir andere Seilschaften, die stehen bleiben. Manche übergeben sich, andere müssen pausieren. Die Höhe macht aus dieser Tour mehr als eine sportliche Herausforderung. Sie macht sie zu einer Grenzerfahrung.
Kurz vor dem letzten Anstieg denke ich noch, wir hätten es fast geschafft. Doch dann sehe ich, was noch vor uns liegt: ein steiler Schlussabschnitt, schmale Wege, daneben geht es tief hinunter. Zum ersten Mal zweifle ich ernsthaft, ob ich das mit diesem hämmernden Kopf überhaupt noch schaffe.
Wir bleiben kurz stehen, atmen durch und sprechen uns als Team Mut zu. Kein Heldentum, nur ein gemeinsamer Entschluss: weitergehen, langsam, zusammen.
Genau so wird es. Schritt für Schritt. Nicht schnell, sondern beharrlich. Der Druck im Kopf ist noch immer da, die Erschöpfung auch. Aber irgendwann taucht der Gipfel vor uns auf.
Und dann stehen wir oben, auf 6088 Metern, und sehen die Sonne aufgehen.
Ich erinnere mich an den Stolz. Am meisten bleibt mir vom Huayna Potosí aber die Erkenntnis, dass es oft nicht die grossen Schritte sind, die einen ans Ziel bringen, sondern die kleinen, langsamen und stetigen.
Deniz Harimci (28) ist Berater aus Arlesheim BL. Auf Reisen sucht er nicht nur schöne Orte, sondern Momente, die bleiben – und echte Grenzerfahrungen.