Ohne Fomo In Kyoto
Japan, 2023. Kirschblüten, Kugelfische und Small Talk bei den Geishas: Eine schlecht getimte Reise ins Land der aufgehenden Sonne.
Endlich ist es soweit: Nach sechs gescheiterten Anläufen innert fünf Jahren – wegen Corona, Krankheit und anderen Rückschlägen – reise ich im Frühling 2023 zum ersten Mal nach Japan. Die Vorfreude nach dieser langen Leidenszeit ist riesig, aber ich fliege auch mit etwas «Fomo» – Fear of Missing Out – nach Japan. Ich hatte es schon lange prophezeit: Mein Lieblingsclub EHC Biel steht sicher genau dann im Playoff-Final, wenn ich es endlich mal nach Japan schaffe und nicht da bin. Genau so kommt es.
Die Reise beginnt auf Okinawa und führt mich anschliessend von Nagasaki bis nach Hokkaido. Ich folge den Kirschblüten, die zuerst im Süden und zuletzt im Norden blühen. Dieses Meer aus Blüten in unterschiedlichsten Farben und Formen überwältigt mich. Als Gärtner entdecke ich Sorten, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Beim Anblick dieser vergänglichen Schönheit geht mir das Herz auf. Es braucht keine Suche nach der perfekten Kirschblüte, denn jede einzelne ist vollkommen.
Ein besonderer Höhepunkt ist auch mein Aufenthalt in Kyoto, der alten Hauptstadt Japans. Dort buche ich ein Geisha-Dinner, das in einem traditionellen Gasthaus stattfindet. Nach dem Ausziehen der Schuhe darf ich bei den Vorbereitungen zusehen und entdecke dabei in einem Nebenraum die Geishas beim Schminken. Es ist ein magischer Anblick: Mit ihrer weissen Schminke wirken sie wie Wesen aus einer anderen Zeit. Ich fühle mich ins alte Kyoto zurückversetzt.
Während des Kaiseki-Dinners unterhalten Geishas die Gäste mit Musik und Tanz. Dank meiner Japanischkenntnisse, die ich mir seit einer Weile beibringe, kann ich mich direkt mit den Geishas unterhalten und Fragen zu ihrer Tradition stellen. Zu meiner Überraschung erzählen sie mir, ich sei der erste Ausländer, der sich mit ihnen in ihrer Sprache unterhalte. Auch der lokale Guide zeigt sich beeindruckt. Ich bin voller Stolz: Mein Japanisch funktioniert tatsächlich.
Jeder Gang wird persönlich vom Koch vorgestellt. Eines der Gerichte kündigt er als Fugu an: Kugelfisch, der hochgiftig ist, wenn man seine Leber nicht entfernt. Ich frage scherzhaft, ob ich in Gefahr sei. Der Koch verneint und meint trocken: «Du bist ja nicht meine Ehefrau.» Der ganze Raum lacht.
Später entschuldige ich mich, weil ich nicht alles aufgegessen habe. Der Koch antwortet, dass noch ein Dessert komme. Sofort erwidere ich auf Japanisch: «Dezato wa betsu bara» – für Dessert habe ich einen zweiten Magen, eine japanische Redensart. Wieder lachen alle.
Der Abend endet mit dem traditionellen Spiel Konpira Fune. Anschliessend spaziere ich bei sternenklarem Himmel entlang des Kamogawa zurück zum Hotel. Im Licht der Laternen bewundere ich noch einmal die Yozakura, die nächtlichen Kirschblüten. Wieder ist alles von einer fast magischen Schönheit, und ich schliesse endgültig meinen Frieden damit, dass ich den Playoff-Final meiner Bieler verpasse. Ich bin dann hoffentlich dabei, wenn sie ihn einmal gewinnen.
Dominik Sommer (40) ist Gärtner und Naturliebhaber aus Rickenbach SO und hofft, dass die Bieler bald wieder einmal die Playoffs erreichen, auch wenn er nicht in Japan ist.