Affentheater im Thermalbad

Natur & Tiere
Roger Meister
10. Juli 2026

Japan, 2022. Was gibt es Schöneres als ein Bad in einer heissen Quelle mitten in einer ruhigen Schneelandschaft? Ein solches Bad mit der richtigen Begleitung.

Die Silvesternacht in Tokio ist kurz. Am nächsten Morgen reise ich weiter nach Nagano und beobachte im Snow Monkey Park Affen, die in den heissen Quellen baden. Ein faszinierender Anblick inmitten der verschneiten Landschaft. Der Park wirkt auf mich allerdings zu touristisch, und ich habe den Eindruck, dass die Affen angefüttert werden, damit sie möglichst nahe an die Besuchenden kommen. Das nimmt der wunderschönen Natur ein wenig von ihrer Magie.

Als ich den Park verlasse, entdecke ich auf der anderen Seite des Flusses einen Onsen, eine natürlich heisse Thermalquelle, in der Menschen baden, daneben eine kleine Hütte. Ich beschliesse, mein Glück zu versuchen und hoffe, dort ebenfalls ins warme Wasser steigen zu können und mich, umgeben von Schnee, zu entspannen.

Unterwegs auf die andere Flussseite begegnet mir ein Affe, der die Zähne fletscht und mir den Weg versperrt. Ich mache einen Umweg durch den Tiefschnee und bin danach umso entschlossener, in die heisse Quelle zu steigen.

Dort angekommen erklärt mir der Besitzer allerdings, dass die Quelle nur noch 20 Minuten geöffnet ist. Das lohne sich für mich nicht mehr. Ich lasse nicht locker, verhandle und feilsche und erhalte schliesslich die Erlaubnis, eine ganze Stunde länger zu bleiben. Ganz allein – denke ich da zumindest.

Als die letzten Gäste gegangen sind, schreite ich, wie in den Onsen üblich nur mit einem Tuch bedeckt, zur Quelle und steige nackt hinein. Da sitze ich nun allein im heissen Wasser und geniesse die absolute Ruhe, als plötzlich wilde Affen auftauchen. Sie setzen sich zu mir ins Bad, ganz viele von ihnen, putzen sich gegenseitig und baden ganz selbstverständlich neben mir. Ein einmaliger Moment, der nur mir und den Affen gehört, und den ich nie mehr vergessen werde.

Was ich erst realisiere, als ich aussteigen will: Während ich bade, haben die Affen mein Badetuch gestohlen. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als komplett nackt die kurze Strecke durch den Schnee zurück zur Hütte zu rennen. Auf der anderen Flussseite spazieren währenddessen Touristen vorbei und bekommen einen nackten Europäer zu sehen, der durch den Schnee sprintet und sich zum Affen macht – zusätzlich zu den anderen Affen. 

Roger Meister (34) ist Sekundarlehrer aus Schaffhausen und war damals während zwei Jahren in Japan als Lehrer tätig. Er, der gerne minutiös plant, hat sich vorgenommen, seine Reisen weniger durchzuplanen. Denn dieses ungeplante Bad mit den wilden Affen wurde zu einem Höhepunkt seiner Zeit in Japan.

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